Mit dem Zug nach Sizilien

Tag 2

Für einen Sonntag sind wir heute recht früh aufgestanden, aber wir haben uns für heute auch ein recht üppiges Programm vorgenommen. Nachdem wir unmittelbar neben unserer Unterkunft im Supermarkt für den Tag eingekauft haben, geht es zum Bahnhof. Die Sonne scheint, aber es ist recht frisch. Man darf nicht vergessen, dass heute erst der 3. März ist. Auch am Bahnhof herrscht um kurz nach 9 Uhr noch nicht sonderlich viel Betrieb.

Im Hintergrund ist der abgestellte Nachtzug aus Rom zu sehen

Die erste Etappe führt uns heute nach Verona. Die Tickets kaufen wir direkt am Automaten vor Ort. Da wir mit dem Regionalverkehr fahren, sind diese auch recht günstig. In Italien ist die Fahrt mit dem Regionalverkehr allgemein sehr günstig, daher sind die Züge häufig auch sehr voll.

„Der trenitalia-Regionalzug“ (so verkündet es die automatische Ansage auf Deutsch, nachdem sie den Zug zunächst auf Italienisch angesagt hat) kommt aus Verona, wendet hier in Bozen und fährt zurück nach Verona. Zum Einsatz kommt eine typische italienische Regional-Wagenzug-Garnitur. Wir nehmen Platz im Steuerwagen, der recht leer bleibt.

Diese italienischen Regionalzüge sind auf eine Art schon ziemlich gammelig (die Toiletten sind zum Beispiel hygienetechnisch eine Vollkatastrophe, sofern sie überhaupt funktionieren), aber irgendwie mag ich das Reisen in diesen Zügen auch. Das ist eben Italien pur fernab vom Glanz des Hochgeschwindigkeitsverkehrs.

Auch die automatischen Ansagen im Regionalexpress erfolgen anfangs noch in Italienisch und Deutsch, obwohl der Zug nur noch einen Halt in Südtirol und damit im auch deutschsprachigen Gebiet hat. Irgendwann kommen die Durchsagen dann in Italienisch und Englisch. Der Zugbegleiter der trenitalia, der in Bozen eingestiegen ist, spricht offensichtlich auch nur Italienisch oder ist zumindest nicht bereit, Deutsch zu sprechen. Ich war mal so frei und habe bei der Fahrkartenkontrolle auf Deutsch „Bitte“ und „Danke“ gesagt, um das auszutesten. 😉 Irgendwie bleibt diese Region – gefangen zwischen der deutschen und der italienischen Sprache – schon kurios.

Die Fahrt durch das Etschtal ist landschaftlich schön. Fast die gesamte Strecke bis Verona sind rechts und links aus dem Zugfenster Berge zu sehen. Erst wenige Kilometer vor Verona endet das Gebirge – das aber ziemlich plötzlich – und wir sind in der flachen Po-Ebene angekommen. Nach einer Fahrtzeit von etwa 1 ¾ Stunden erreicht unser Zug fast pünktlich Verona auf Gleis 1.

Im Vergleich zu Bozen fühlt man sich nun wirklich im „echten“ Italien angekommen. Für die Weiterfahrt nach Mailand wollen wir uns später auch spontan ein Ticket kaufen, sodass wir flexibel sind und Verona (mehr oder weniger) so lange erkunden können, wie wir möchten. Wir laufen einfach vom Bahnhof drauf los in die Innenstadt.

Mein Kumpel und ich sind eher „Kulturbanausen“. Das soll in diesem Fall konkret heißen, dass wir Städte einfach frei erkunden, ohne uns großartig darüber zu informieren, was für Gebäude wir da gerade sehen oder welche Gebäude man sich unbedingt anschauen sollte. Ich kann aber guten Gewissens die Feststellung treffen: Verona ist sehr schön und ganz schnell sind zwei Stunden vergangen, in denen wir die Innenstadt erkundet haben.

Bahnhof Verona Porta Nuova im Gegenlicht

Nach gut zwei Stunden kommen wir wieder am Bahnhof an. Wir sind fertig, denn wir beide haben auf unserer Tour durch Verona unsere schweren Rucksäcke dabei gehabt. Das ist die eine wirklich nervige Sache beim Zugfahren in Italien: In den Bahnhöfen gibt es in der Regel keine Gepäckschließfächer. Stattdessen gibt es vielerorts personenbediente Gepäckaufbewahrungsstellen mit entsprechenden Öffnungszeiten (und manchmal auch langen Schlagen bei Abgabe und Abholung). Das ist leider eher unattraktiv.

Wir kaufen uns für den nächsten Regionalzug nach Mailand eine Fahrkarte und setzen uns auf den Bahnsteig. Bis zur Abfahrt ist noch eine gute halbe Stunde Zeit. Hier in Verona hat es mittlerweile Temperaturen über 15 Grad und Sonne, sodass wir die Jacke ausziehen können.

Der trenord-Regionalzug nach Mailand wird bereits frühzeitig bereitgestellt (oder kommt frühzeitig aus Mailand an – das habe ich nicht genau beobachtet). Es handelt sich wieder um so einen typischen italienischen Regionalzug. In Verona steigen schon viele Personen in den Zug ein, im Laufe der weiteren Fahrt füllt sich der Zug bis auf den letzten Platz und darüber hinaus (Stehplätze).

Landschaftlich ist die Fahrt eher unspektakulär. Wenige Minuten nach der Abfahrt in Verona lässt sich aus dem (verdreckten) Zugfenster immerhin der Gardasee erahnen.

Nach zwei Stunden erreichen wir dann  Mailand:

Dieser Bahnhof beeindruckt mich bei jedem Besuch aufs Neue.

Bis zur Abfahrt des Nachtzuges sind es noch gute drei Stunden. Ursprünglich war unser Plan, auch Mailand noch etwas zu erkunden. Wir sind aber von unserer Tour durch Verona dank der schweren Rucksäcke ziemlich geplättet. Und für die personenbediente Gepäckaufbewahrung lohnen sich die drei Stunden dann auch kaum. Wir entschließen uns, nur kurz mit der U-Bahn zum Dom zu fahren und uns für einige Minuten dort umzuschauen.

Zurück am Hauptbahnhof müssen zunächst einmal die Mägen gefüllt wird. Ein Fast-Food-Restaurant ist dafür genau richtig. Anschließend müssen wir aber noch ein anderes Kunststück vollführen: uns im Supermarkt mit viel, sehr viel Essen einzudecken. Während der nächsten 21 Stunden Zugfahrt werden wir nämlich quasi keine Möglichkeit haben, uns zu verpflegen. Der Zug hat keinen Speisewagen und auch im Schlafwagen wird man sich (anders als z.B. im ÖBB nightjet) nichts zu essen kaufen können. Das weiß ich bereits aus Reiseberichten, die ich gelesen habe. Demnach ist auch das „Frühstück“ nicht ernst zu nehmen und ich (der sich mit einigen Nahrungsmittelallergien rumschlagen muss) kann damit rechnen, exakt gar keine Verpflegung in den 21 Stunden Zugfahrt zu erhalten. Also stellt sich im Supermarkt die Frage: Was macht satt? Was hält auch ohne Kühlschrank die nächsten 21 Stunden? Am Ende kommen wir beide jeweils mit einer prall gefüllten Einkaufstüte aus dem Supermarkt. Vielleicht haben wir es sogar etwas übertrieben. Aber lieber zu viel als zu wenig, das wissen wir spätestens seit unserer Fahrt im Zug von Bar nach Belgrad im vergangenen Jahr (Bericht hier).

Die Zeit vergeht dann mit all den Erledigungen doch recht schnell und etwa eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt des Nachtzuges durchschreiten wir die Bahnsteigsperren. Für mich ist dann noch etwas Zeit, Bilder vom Bahnhof zu machen:

Die Abfahrt des Nachtzuges nach Palermo und Syrakus (zwei Zugteile) steht für 20.10 Uhr im Fahrplan. Etwa eine Viertelstunde vor Abfahrt zeigt die Anzeigetafel auch endlich das Abfahrtsgleis an und kurze Zeit später wird der Zug in den Bahnhof geschoben.

Extrem voll wird der Bahnsteig nicht, aber es wollen doch einige Passagiere mit dem Zug fahren. In unseren Schlafwagen steigen aber zunächst nur wir beide ein. Während die Liegewagen recht modern zu sein scheinen, ist der Schlafwagen schon ein etwas älteres Modell. Unser Abteil wirkt aber sauber und gepflegt. Auf beiden Betten liegen saubere und echte Bettdecken (es gibt Bahngesellschaften, bei denen ähnelt auch die Bettwäsche im Schlafwagen eher der eines Liegenwagens).

Der recht junge Schlafwagenschaffner bringt uns nach kurzer Zeit zwei Pappkartons mit Necessaire:

Das war drin: U.a. Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierer mit Zubehör, Schlappen, Ohrstöpsel, Taschentuch, Seife, …

Außerdem gibt es für jeden von uns eine Flache stilles Wasser. Was man hier zur Schlafwagenfahrt dazubekommt, ist also recht ordentlich.

Dann will der Schlafwagenschaffner unser Online-Ticket sehen und unsere Ausweise. Das ist schnell erledigt und er wünscht uns eine gute Nacht. Das alles tut er auf Englisch (zwar nur mit wenigen Worten, aber er spricht zumindest etwas Englisch). Ich schreibe das an dieser Stelle, da ich Reiseberichte gelesen habe, in denen der Schlafwagenschaffner kein Wort Englisch sprach. Das scheint es also auch zu geben.

Kurze Zeit später fährt der Zug ab. Im Abteil wird es laut und wir fürchten schon, dass wir bei dem Lärm kaum Schlaf bekommen werden. Der Grund ist aber Gott sei Dank schnell gefunden: Das Fenster ist nicht ganz geschlossen. Mit etwas Gewalt kann das Problem aber gelöst werden und wir können uns über die akustischen Verhältnisse im Abteil nicht mehr beklagen.

Dafür taucht nach kurzer Zeit ein anderes Problem auf: Ich öffne den Schrank im Abteil hinter dem sich das Waschbecken befindet. Das Wasser (warm/kalt) lässt sich mit zwei Fußpedalen unter dem Waschbecken steuern. Ich möchte mir die Hände waschen und drücke ein Pedal. Das Wasser fließt ordnungsgemäß aus dem Wasserhahn. Nach kurzer Zeit merke ich aber, dass meine Füße nass werden uns sich gerade der Abteilboden mit Wasser flutet, welches etwa auf Höhe der Fußpedale aus dem Waschbeckenschrank rausfließt. Sofort stoppe ich das Wasser und bringe mit meinem Kumpel Rucksack und was sonst noch auf dem Abteilboden steht in sichere Höhe. Der Schlafwagenschaffner ist in irgendeinen anderen Wagen verschwunden, also nehme ich das Problem zunächst einmal selbst in die Hand. In den Toiletten am Wagenende gibt es immerhin Papiertücher. Ich nehme einen großen Stapel mit ins Abteil und wische den Boden wieder trocken. Anschließend schütte ich, um herauszufinden woher das Wasser kommt, etwas Wasser aus einer Wasserflasche in das Waschbecken und siehe da: Das Wasser läuft wieder ins Abteil. Also scheint die Abwasserleitung defekt zu sein. Damit hat sich das Kapitel „Nutzung des eigenen Waschbeckens im Abteil“ für diese Fahrt erledigt. Gut, dass der Wagen so leer ist und die Toilettenräume am Ende des Wagens (natürlich auch mit Waschbecken) sauber und top gepflegt sind. Dann muss ich eben immer dort mir die Hände waschen und Zähne putzen. Es gibt Schlimmeres.

Während der Zug durch den Abend in Richtung Genua fährt, sitzen wir auf unserem Bett, genießen den Blick nach draußen (das Licht im Abteil ausgeschaltet) und genießen noch ein kaltes Getränk, das wir uns im Supermarkt gekauft hatten. Kurz vor Genua wird die Landschaft immer bergiger und wir sehen die beleuchteten Häuser an den Berghängen. Es ist eine tolle Fahrt und an einem der Halte zwischen Mailand und Genua steigt in unseren Wagen ein weiterer Fahrgast zu und belegt ein zweites Abteil. In Genua steigen dann nochmal Fahrgäste ein.

Kurz nach der Abfahrt in Genua legen wir uns dann schlafen. Ich schlafe sehr schnell ein und bekomme die weiteren Zustiegshalte gar nicht mehr mit. Für Interessierte: Der Zug fährt die Küste hinab über Pisa nach Livorno und hat dort die letzte Zustiegsmöglichkeit. Dann fährt der Zug durch die Nacht und hat planmäßig um kurz vor sechs Uhr in Salerno (südlich von Neapel) seinen ersten Ausstiegshalt.

5 Gedanken zu „Mit dem Zug nach Sizilien“

  1. Interessanter Bericht mit schönen Fotos und Video. Was ich noch cool fände: Eine Übersicht über die Kosten und wie bzw. über welche Wege ihr Züge und Unterkünfte gebucht habt. Vielleicht kannst du das ja nachreichen 🙂

  2. Sehr schöner Bericht mit super Bildern und gut erzählt. Erinnert mich an meine eigene Fahrt die ähnlich verlief (Kombination aus Tag- und Nachtzügen).

    Es muss nicht immer das Flugzeug sein um einen entspannten Urlaub zu verbringen, gerade Italien ist mit dem Zug eben sehr gut erreichbar, sowohl per Tagzug als auch per Nachtzug.

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