Mit dem Zug nach Sizilien

Tag 3

Ich wache auf. Die Uhr an meinem Handy zeigt, dass es kurz nach sechs ist. Draußen ist es nicht mehr dunkel. Bereits etwas Tageslicht dringt an den Jalousien vorbei ins Abteil. Ich ziehe die Jalousie leicht hoch, wir fahren gerade in Salerno ein. Auf den Gang herrscht etwas Unruhe, offensichtlich steigen hier bereits einige Fahrgäste aus. Unser Zug hat ca. 15 Minuten Verspätung. Ich drehe mich nochmal um.

Warum schläft man manchmal im Nachtzug besser und manchmal schlechter? Teilweise kann ich das mit äußeren Umständen erklären (z.B. Fahrweise des Lokführers, Strecke – gerade oder kurvig, Qualität des Wagens und des Bettes), häufig aber auch nicht. Heute ist wieder so eine Nacht, in der ich mir quasi nicht erklären kann, warum ich so gut geschlafen habe. Ich habe seit gestern Abend durchgeschlafen, das schaffe ich selbst zuhause manchmal nicht.

Nach etwa einer Stunde wache ich wieder auf und ziehe die Jalousie abermals hoch. Die Landschaft draußen ist bergig:

Mein Kumpel oben im Bett schläft noch tief und fest.

Das Wetter zeigt sich heute Morgen eher bedeckt, aber mit sonnigen Abschnitten. Nach einigen Minuten Fahrt im Inland, kommt der Zug ans Meer. Leider ist das Fenster ziemlich dreckig:

Die nächsten Stunden fahren wir fast ausschließlich an der Küste entlang.

Der Zug hält alle paar Minuten an mehr oder weniger kleinen Bahnhöfen. Man hat nicht wirklich das Gefühl, dass wir uns in einem Fernverkehrszug befinden. Aber bei einem solchen Langläufer-Zug kommt es auf die paar Minuten wohl auch nicht mehr an. Nur an wenigen Halten steigen noch Fahrgäste aus. Ein Einstieg ist sowieso in unseren Zug nicht mehr möglich. Da es keine Sitzwagen (nur Liege- und Schlafwagen) gibt, sind alle Halte am Morgen Ausstiegshalte. In unserem Wagen sind drei Abteile noch belegt. Offensichtlich nutzen auch viele Fahrgäste diesen Zug, um die Halte auf dem Festland in Süditalien zu erreichen und viele fahren gar nicht bis nach Sizilien.

Um kurz vor neun wecke ich meinen Kumpel, denn der Schlafwagenschaffner will wissen, ob wir Kaffe oder Saft zum Frühstück haben wollen („coffee or juice?“). Wir sind eigentlich Teetrinker, den gibt es aber nicht. Deshalb entscheiden wir uns für den Saft. Der Schlafwagenschaffner, der offenbar die ganze Nacht in einem anderen Wagen verbracht hat (das Dienstabteil im Schlafwagen sieht auch eher gammelig aus), bringt uns kurze Zeit später zwei Trinkpäckchen mit Saft und jeweils zwei Gebäckteile zum Frühstück. Dabei handelt es sich um ein Croissant und noch etwas Ähnliches. Man verzeihe mir an dieser Stelle meine Ahnungslosigkeit. Mit derartigem Gebäck kenne ich mich nicht aus, da ich es nicht vertrage. Genau deshalb ist das Frühstück für meinen Kumpel doch recht ordentlich (da er meine Gebäckstücke mit auffuttern kann), dennoch aber qualitativ weit vom Komponentenfrühstück des nightjets entfernt.

Zwischen den vielen Halten fährt der Zug recht schnell, die Strecke hier an der Küste in Süditalien scheint also ordentlich ausgebaut zu sein. Das hätte ich nicht erwartet. Irgendwann kommt dann in der Ferne das erste Mal Sizilien in Sicht:

Schon direkt nach dem Vorletzten Halt auf dem Festland werden die Toiletten im Zug verschlossen. Der Grund: Es handelt sich nicht um geschlossene Toiletten, sondern um Toiletten mit Fallrohr auf die Strecke. Das will man natürlich nicht auf der Fähre haben. Gott sei Dank war ich kurz davor noch einmal auf dem „stillen Örtchen“.

Sizilien: So nah und zeitlich doch noch so weit entfernt

Ich habe in Reiseberichten auch schon von größeren Verspätungen dieses Zuges gelesen. Wir erreichen den letzten Halt auf dem Festland, Villa San Giovanni, aber überpüntklich.

Auf dem Bahnsteig sehen wir unseren Schlafwagenschaffner, der hier offensichtlich Feierabend hat. Wir stehen mit dem Zug am Bahnsteig, haben durch die Fenster Blick auf den Hafen und die Fähren und müssen uns gedulden. Eine gefühlte Ewigkeit passiert erst einmal nichts: Keine Durchsage, keine Information. Kurz nachdem wir angekommen sind, hatte aber draußen ein Schaffner gepfiffen und die Türen geschlossen. Deshalb kann man offenbar auch nicht auf dem Bahnsteig etwas Zeit verbringen.

Wir warten offensichtlich auf die Fähre. Noch ist die Anlegestelle leer und auch noch kein Schiff in Sicht, welches wie eine Eisenbahnfähre aussieht. Ich beginne zu recherchieren. Es ist ja wahrscheinlich, dass die Fähre mit einem Zug aus Sizilien kommt und anschließend mit uns zurückfährt. Im Fahrplan findet sich auch ein Zug, bei dem das zeitlich passen würde. Es ist der Intercity nach Rom, den wir übermorgen auf der Rückfahrt nutzen werden. Ich schaue in der App von trenitalia nach uns sehe: Der Zug hat sich auf Sizilien eine Verspätung von 20 Minuten eingefahren. Da ist es kein Wunder, dass wir noch auf die Fähre warten.

Gott sein Dank haben wir aber genug Verpflegung dabei und so verbringe ich die Zeit mit Essen und ein wenig Trinken (nicht zu viel – die Toiletten sind ja geschlossen). Irgendwann kommt die Fähre dann in Sicht und legt an und kurze Zeit später fahren wir auch zum Anleger nach unten.

Wir standen etwa eine Stunde in Villa San Giovanni am Bahnsteig. Planmäßig wäre etwa eine halbe Stunde gewesen. In Deutschland wäre ich wahrscheinlich bei einer Stunde Stillstand am Bahnsteig (vor allem ohne Information) völlig genervt. Heute stört es mich überhaupt nicht. Ich habe Urlaub und auf eine längere Wartezeit habe ich mich ja eingestellt.

Während wir nach unten zum Fähranleger gezogen werden, zieht eine andere Rangierlok den Intercity aus der Fähre und setzt ihn wieder zusammen. Der Zug muss auf der Fähre nämlich auf mehrere Gleise aufgeteilt werden. Dazu geht es mehrmals vor und zurück.

Im Hintergrund wird der Intercity von der Fähre gezogen

Kaum ist der andere Zug vollständig entladen, werden wir schon auf die Fähre geschoben. Offensichtlich können die Italiener hier Tempo machen. Für uns geht es mehrmals hin- und zurück. Am Ende sind wir Teil der letzten Wagengruppe, die auf das dritte von vier Gleisen auf der Fähre geschoben wird. Das vierte Gleis bleibt frei.

Man darf hier offenbar nicht erwarten, dass man gesagt bekommt, dass man den Wagen verlassen darf, man muss es einfach tun. Wir machen das auch und schauen uns kurz auf dem Eisenbahndeck um und gehen anschließend auf der Oberdeck.

Meerenge („Straße von Messina“) zwischen Sizilien (links) und dem Festland an der engsten Stelle

Das Wetter ist ein Traum und ich genieße die Sonne, wie auch die anderen Fahrgäste des Zuges. Die Fähre ist nur für unseren Zug, es sind also nur die Fahrgäste dieses Zuges auf der Fähre. Viele Menschen sind es nicht, die sich diese Reise antun. Ein Großteil der Fahrgäste scheint den Zug wirklich schon an den bisherigen Halten verlassen zu haben.

Auf dem Schiff gibt es Toiletten (praktisch, da die Toiletten im Zug ja abgeschlossen sind) und eine kleine Bar, an der man zumindest Getränke bekommen kann. Ich kaufe mir eine kühle Cola. Der Mann hier kann offensichtlich wirklich kein Englisch, aber mit der Cola bekommen wir das auch so hin.

Die Überfahrt dauert ca. 20 Minuten und damit (bei diesem Wetter) für meinen Geschmack viel zu kurz. „Immerhin kann ich das ja auf der Rückfahrt noch einmal erleben“, denke ich mir jetzt. Dass dann alles anders kommen wir, ahne ich da noch nicht.

Es sagt einem auf der Fähre offenbar auch niemand Bescheid, wann man wieder zurück in den Zug gehen sollte. Mein Kumpel und ich tun es aber, als wir in den Hafen von Messina einfahren.

Auch hier machen die Italiener Tempo. Kurz nachdem das Schiff angelegt hat, wird unser Zug wieder zusammengebaut und aus der Fähre an den Bahnsteig von Messina gezogen. Dann wird der vordere Zugteil noch auf ein anderes Gleis rangiert. Hier in Messina trennen sich nämlich die Strecken nach Palermo und nach Syrakus.

Bis zur planmäßigen Abfahrt in Messina sind es noch zehn Minuten, also kann ich diesmal wirklich guten Gewissens noch einmal auf den Bahnsteig gehen.

Hier in Messina steigt auch neues Zugpersonal auf beide Züge. Es handelt sich aber nur mehr um Zugbegleiter, die die weitere Abwicklung der Zugfahrt übernehmen. Sie kontrollieren nicht mehr die Fahrkarten (es darf ja seit heute Morgen niemand mehr in den Zug einsteigen) und sie sind auch kein Servicepersonal für Schlafwagengäste.

Knappe vier Stunden sind es nun auf Sizilien immer noch bis Palermo. Die gute Nachricht für alle mit schwacher Blase: Direkt nach der Abfahrt in Messina schließt der Zugbegleiter die Toiletten wieder auf.  Vor der weiteren Fahrt hatte ich etwas Respekt. Ich hatte in einem Reisebericht sinngemäß folgende Aussage gelesen:

„Wenn du dann von der Fähre runter bist, endlich auf Sizilien, und der Zug immer noch stundenlang fährt, dann kannst du das kaum mehr genießen. Dann willst du nur noch ankommen.“

Ich muss jetzt sagen: Diese Aussage stimmt hinten und vorne nicht. Zumindest trifft sie weder auf mich noch auf meinen Kumpel zu. Wir können die weitere Fahrt genießen. Es hat sich sogar eine Art Grundentspannung eingestellt. Ich bin zur Ruhe gekommen und schaue einfach nur nach draußen. Die Landschaft ist toll, egal ob man ins Landesinnere blickt oder zum Meer, denn auch auf Sizilien fährt der Zug fast ausschließlich die Küste entlang.

Verfahren? 😉

Wir haben uns übrigens entschlossen, unser Abteil nicht in Tagesstellung umbauen zu lassen. So können wir weiterhin immer wieder im Bett liegen. Man könnte diese Fahrt somit am besten mit einem Sonntag vergleichen, an dem man den ganzen Tag auf der Couch gammelt, hier nur eben mit toller und wechselnder Aussicht. Da kann eigentlich gar nicht das Bedürfnis aufkommen, unbedingt schnell ankommen zu wollen. Sonntags wartet man auf der Couch ja auch nicht darauf, dass das Wochenende vorbei ist. 😉

So sähe das Abteil im Nachtzug in Tagesstellung aus

Die anderen beiden Reisenden, die noch bis nach Sizilien bei uns im Schlafwagen gefahren sind, sind irgendwo an den Zwischenhalten auf Sizilien ausgestiegen. Wir sind wieder alleine im Wagen. Zwischendurch kommt der Zugbegleiter vorbei und fragt uns „Palermo?“. Offensichtlich spricht er auch kein Englisch. Wir bejahen, er ist zufrieden. Die beiden Wagen hinter uns hat er mittlerweile verschlossen. Am nächsten Zwischenhalt wird auch klar warum: Der Bahnsteig ist zu kurz.

Irgendwo begegnen wir dann auch unserem Gegenzug, der in Palermo im Umkehrschluss schon mittags losfährt. Wir dagegen können bis 17 Uhr im Bett liegen. Was ein Luxus!

Aber auch eine so tolle Fahrt ist irgendwann zu Ende. Die ersten Häuser von Palermo kommen in Sicht:

Ich weiß nicht wie die Italiener ihre Fahrtzeiten berechnen, aber wir kommen in Palermo eine Viertelstunde zu früh (!) an. Das soll uns bei so einer langen Fahrt aber nicht stören. Wir (vielleicht noch mit 10-15 weiteren Fahrgästen, die tatsächlich bis zur Endstation gefahren sind) steigen aus und es gibt eine kleine Überraschung. Auf unserem Zug waren offensichtlich zwei Schaffner, ein jüngerer und ein älterer. Im Zug waren wir nur dem älteren (der kein Englisch konnte) begegnet. Am Bahnsteig quatscht uns der jüngere der beiden freundlich und in perfektem Englisch an und will interessiert wissen, woher wir kommen. Nachdem wir „Germany“ sagen, wechselt er plötzlich auf Deutsch und erzählt uns, dass er einige Jahre Lokführer im Güterverkehr war und zwischen Mannheim und der Schweiz unterwegs war. Wir unterhalten uns kurz und erzählen ihm, was wir für eine Tour machen. Es ist nach so einer langen Fahrt eine richtig schöne Begegnung. Er wünscht uns noch viel Spaß und verschwindet mit seinem Kollegen. Erst später fällt mir ein, dass ich ihn gerne gefragt hätte, warum er jetzt quasi am anderen Ende Italiens als Zugbegleiter unterwegs ist und nicht mehr zwischen Deutschland, der Schweiz und vielleicht auch (?) Norditalien als Lokführer.

Angekommen in Palermo Centrale

An dieser Stelle sei noch einmal klar gesagt: 21 Stunden wirken für so eine Fahrt auf dem Papier sehr lange. Für uns beide verging die Zeit aber wirklich schnell und wir glauben auch nicht einmal, dass man ein besonderer Bahn-Nerd sein muss, um diese Fahrt auch als so schön wie wir zu empfinden. Man darf nicht vergessen, dass man einen erheblichen Teil der Fahrtzeit in der Nacht verschläft und dann am nächsten Tag auch noch mit der Fähre eine Unterbrechung der Fahrt hat, während der man den Zug verlassen kann.

Der Bahnhof Palermo Centrale ist ein Kopfbahnhof, ein kleiner und sehr schöner:

Wir müssen etwa 20 Minuten bis zu unserem Hotel laufen. Dort können wir direkt einchecken. Das hat man auch selten, wenn man mit dem Nachtzug anreist – in der Regel kommt man da ja morgens und nicht nachmittags an.

Später am Abend suchen wir uns dann in Palermo noch ein Restaurant, um zu Abend zu essen. Das stellt sich als gar nicht so leicht heraus. So ein richtiges Stadtzentrum mit viel Gastronomie können wir in der Stadt nicht ausmachen. Palermo scheint auch nicht so sehr touristisch zu sein. Außerdem merkt man dann doch auch hier diesen Unterschied zwischen Nord- und Süditalien, von dem man häufiger liest. Neben einigen schönen Ecken, findet wir in Palermo auch ein paar hässliche Straßenzüge und Gebäude. Außerdem ist die Stadt recht dreckig. Das soll aber keine abschließende Beurteilung sein. Wir haben auf dieser Tour nicht viel Zeit in Palermo, sodass wir uns nicht großartig über die Stadt informiert haben. Wir wissen also nicht, wo man unbedingt hin muss, wo es vielleicht doch besonders schön ist.  Daher ist das nur ein erster ungefilterter Eindruck. Ich möchte auch jeden Fall wiederkommen und dann noch mehr Zeit und Infos für eine bessere Erkundung mitbringen.

5 Gedanken zu „Mit dem Zug nach Sizilien“

  1. Interessanter Bericht mit schönen Fotos und Video. Was ich noch cool fände: Eine Übersicht über die Kosten und wie bzw. über welche Wege ihr Züge und Unterkünfte gebucht habt. Vielleicht kannst du das ja nachreichen 🙂

  2. Sehr schöner Bericht mit super Bildern und gut erzählt. Erinnert mich an meine eigene Fahrt die ähnlich verlief (Kombination aus Tag- und Nachtzügen).

    Es muss nicht immer das Flugzeug sein um einen entspannten Urlaub zu verbringen, gerade Italien ist mit dem Zug eben sehr gut erreichbar, sowohl per Tagzug als auch per Nachtzug.

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