Mit dem Zug nach Sizilien

Der südlichsten Punkt, den ich je mit der Bahn (von zuhause aus) erreicht habe, die längste Zugfahrt in nur einem einzigen Zug, die ich je gemacht habe und Schlafwagen bis 17 Uhr am Nachmittag: Diese Reise vereint gleich mehrere Superlative. 

In den letzten Jahren hatte ich das Vergnügen, schon mehrere Reiseberichte über Fahrten nach Sizilien mit der Bahn lesen zu dürfen. Die allermeisten der Berichte hatten eine Gemeinsamkeit: Sie beschrieben die Fahrt mit einer der längsten Nachtzugverbindungen, die es in Westeuropa noch gibt: Mailand – Palermo in 21 Stunden. Das musste ich gemeinsam mit einem Freund auch unbedingt ausprobieren und wir haben uns eine nette einwöchige Tour „gebastelt“:

Mit dem nightjet fahren wir nach Innsbruck, über den Brenner geht es ins erste Nachtquartier nach Bozen. Am zweiten Reisetag geht es mit dem italienischen Regionalverkehr nach Verona und weiter nach Mailand. Dort besteigen wir den Nachtzug nach Palermo. Nach einer Nacht in Palermo fahren wir über die Insel nach Syrakus und am folgenden Tag mit dem Intercity nach Rom. Nach einen Tag in Rom geht es zurück mit dem nightjet nach Deutschland. Gemacht haben wir die Tour Anfang März 2019.

Freitagabend um kurz nach 20 Uhr im Düsseldorfer Hauptbahnhof: Gestern war Weiberfastnacht und es steht das Karnevalswochenende mit dem Höhepunkt am Rosenmontag bevor. In Düsseldorf vermischen sich an diesem Abend verkleidete Karnevalisten und Menschen wie wir, die vor dem Karneval lieber flüchten möchten. Wohl auch aus diesem Grund ist der nightjet nach Innsbruck komplett ausgebucht, zumindest beide Sitzwagen. Mehrere Abteile sind als sogenannte Privatabteile ausgewiesen. Ein neues Angebot der ÖBB gibt den Reisenden die Möglichkeit für den Festpreis von 99 Euro (sofern noch verfügbar) ein komplettes Sitzwagenabteil mit ein bis drei Erwachsenen zu reservieren. Auch wir haben uns für diese Möglichkeit entschieden, schließlich ist sie recht günstig und man kann im Abteil die Sitze zu liegeähnlichen Flächen ausziehen und hat damit zu zweit doch ordentlich Platz. Zwar gibt es keine richtigen Jalousien zum Abdunkeln des Abteils wie im Liegenwagen und auch kein Laken und Kopfkissen, dennoch ist es eine Frage der Abwägung, ob man zu einem ähnlichen Preis im vollen Liegewagen mit vier fremden Mitreisenden einen besseren Schlaf bekommt als im privaten Sitzabteil zu zweit. Wir haben uns nun für diese Variante entschieden.

Wir genießen die abendliche Fahrt entlang des Rheins und entschließen uns, beim Liegewagenbetreuer noch etwas zu Essen und zu Trinken zu kaufen. Mein Kumpel geht dazu zwei Wagen weiter, in den Liegewagen, um zu bestellen. Einige Minuten später kommt der sehr nette Liegewagenbetreuer und bringt mir meine warme Gulaschsuppe (die ich übrigens empfehlen kann). Er setzt sich zum Kassieren kurz zu uns ins Abteil und irgendwie kommen wir über mein Essen ins Gespräch. Da es zur Gulaschsuppe immer zwei trockene Brotscheiben gibt, erzählt er uns, dass er aus Afghanistan stammt und erzählt von einer Situation, in der er sich vor Taliban-Kämpfern verstecken musste und tagelang nur solches trockenes Brot essen konnte, da er das noch als Vorrat hatte. Er erzählt das alles so gefasst und wirkt dabei wie ein fröhlicher Mensch, dass man zwischendurch kaum glauben kann, dass er das wirklich durchgemacht hat.

Ich bekomme die Geschichte heute, einen Monat später, nicht mehr komplett zusammen. Ich erinnere mich nur noch, dass ich mir gedacht habe: Wenn du das hörst, was dieser Mann erlebt und durchgemacht hat, dann wirkt auch das größte Problem, das du je hattest, wie eine Nichtigkeit. Auch wenn ich das nicht jeden Tag merke: Es geht mir und allen, die ich hier in Deutschland kenne, schon unfassbar gut mit unserem Leben.

Es sind diese besonderen Begegnungen, die so eine Nachtzug-Fahrt häufig mit sich bringt. Auch heute Abend wieder. Wir essen und trinken auf, schauen noch ein bisschen in die Dunkelheit des Rheintals und noch vor dem Halt in Frankfurt schlafe ich ein.

Tag 1

Für eine Fahrt im Sitzwagen schlafe ich wirklich extrem gut. Wir hatten Glück: Die ÖBB haben einige ihrer Nachtzug-Sitzwagen mit Vorhängen ausgestattet, sodass nicht jeder aus dem Gang ins Abteil blicken kann. Wir haben so einen Wagen erwischt. Es gibt sogar einige Sitzwagen, in denen die ÖBB Abteil-Verriegelungen (von innen) nachgerüstet haben – so einen Wagen haben wir allerdings heute Nacht nicht bekommen. Trotzdem hat niemand versucht unser Abteil in der Nacht zu öffnen.

Anders sieht das leider im Nachbarabteil aus. Dort war offensichtlich ein Taschendieb erfolgreich, was mich am frühen Morgen aus dem Schlaf weckt, denn im Gang diskutieren recht laut der Zugchef und die Bestohlene. Wirklich etwas ausrichten kann er in dieser Situation aber offenbar nun auch nicht.

Sehr frühzeitig erreichen wir den Münchener Hauptbahnhof. Normalerweise steht der Zug hier eine Viertelstunde für Lok- und Richtungswechsel. Da wir in der Nacht aber (geplant) umgeleitet wurden, waren wir deutlich früher als sonst in München und bis zur Weiterfahrt bleiben über 40 Minuten Zeit. Mein Kumpel nutzt die Zeit, um sich etwas die Beine zu vertreten und uns beim Bäcker ein Frühstück zu besorgen.  Im Sitzwagen im nightjet ist nämlich kein Frühstück inklusive und das, was man sich als Sitzwagenpassagier im Zug an Frühstück kaufen kann, ist nicht so üppig.

Pünktlich geht es weiter in Richtung Innsbruck. Nach dem Halt in Rosenheim wird die Landschaft langsam weißer. In Kufstein steigt dann ein älterer Herr zu und wir „erlauben“ ihm, dass er sich bis Innsbruck zu uns ins Privatabteil setzt. In Österreich sind die nightjet-Sitzwagen in der Regel ganz normal für Tagesreisende mit Fahrkarte geöffnet. Unser freundlicher Mitfahrer hat Wanderstöcke dabei und erzählt uns, dass er noch weiter ab Innsbruck nach Brixen fährt.

Irgendwo zwischen Rosenheim und Innsbruck

Pünktlich erreichen wir gegen viertel nach neun Innsbruck und schließen unser Gepäck ein. Hier hätten wir zwar direkten Anschluss an den Eurocity über den Brenner, wir wollen aber erst den übernächsten Zug (in vier Stunden) nehmen und uns ein bisschen Zeit in Innsbruck gönnen.

Innsbruck ist für mich eine der schönsten Städte im Alpenraum, da der Gegensatz zwischen doch recht großer Stadt und den hohen Bergen so beeindruckend ist. Leider kommt das bei so einem Wetter nicht wirklich rüber. Wir drehen eine Runde durch die Innenstadt und laufen anschließend zur Bergiselschanze, die man gut fußläufig vom Bahnhof aus erreichen kann. Dafür braucht man eigentlich auch gar keinen Stadtplan, da man sie die ganze Zeit im Blick hat und nur versuchen muss, auf möglichst direktem Wege auf sie zuzulaufen. Das als kleiner Tipp, wenn jemand von euch mal etwas Zeit in Innsbruck „totschlagen“ muss.

Da wir noch viel Zeit bis zur Weiterfahrt haben, entschließen wir uns zum Besuch der Anlage (kostet Eintritt!). Noch vor einer Woche fanden hier Springen im Rahmen der Nordischen Ski-WM statt. Das kann man teilweise auch noch sehen, sodass sich der Besuch absolut lohnt.

Nach dem Besuch geht es zurück zum Bahnhof. Unser Zug wird bald aus München eintreffen.

Empfangshalle Innsbruck Hbf

Der Zug fährt nach Venedig und ist gut ausgelastet. Im Speisewagen sind aber noch Plätze für uns frei.

Während ich meine Sacherwürstl esse und mein Kumpel seinen Pulled Pork Burger genießt, fahren wir auf der Brennerbahn Richtung italienische Grenze.

Leider sind die Scheiben des Speisewagens sehr dreckig, sodass an dieser Stelle ein Foto und ein Videoclip stellvertretend reichen müssen. Ich kann aber sagen, dass sich die Fahrt auf der Brennerbahn lohnt, auch wenn das hier nicht großartig mit Bildmaterial belegt werden kann. 😉

Am Brenner gibt es dann einen Halt, bei dem der Zug u.a. das Stromsystem wechselt. Anschließend geht es bei deutlich besserem Wetter wieder hinab nach Südtirol.

Des einen Freud ist des anderen Leid: An mehreren Stellen verschwindet die Bahnstrecke auf der Südseite in kilometerlangen Tunnels, die in den letzten Jahren/Jahrzehnten entstanden sind. Dadurch kommt man zwar schnell in den Süden, die Tunnels versperren aber auch die Sicht auf eine schöne Berglandschaft. Noch „schlimmer“ (für alle, die aus Sightseeing-Gründen mit dem Zug unterwegs sind) wird es dann aber erst, wenn der Brenner-Basistunnel in einigen Jahren in Betrieb geht. Deshalb empfehle ich jedem, vorher noch einmal auf der Brennerbahn zu fahren.

Pünktlich erreichen wir dann am frühen Nachmittag Bozen:

Nachdem wir in unserer Unterkunft eingecheckt haben, drehen wir eine kleine Runde durch die Innenstadt und laufen zur Talstation der Rittner-Seilbahn, die sich in der Nähe des Bahnhofs befindet.

Die Seilbahn führt auf ein Hochplateau, auf dem der Ort Oberbozen liegt. Sie ist ein Teil des öffentlichen Nachverkehrs, in diesen tariflich eingebunden und sie fährt daher auch bis spät abends.

Die Sonne geht schon unter, als wir nach oben fahren und sorgt für eine ganz besondere Stimmung. Während die Stadt schon im Schatten liegt, werden die Berge teilweise noch angestrahlt.

An der Bergstation hat man direkten Anschluss an die Rittner Bahn, die wir aber heute nicht mehr nehmen. Der Tag war schon lang genug.

Wir machen einen kleinen Abendspaziergang durch Oberbozen und die Umgebung.

Was sehr auffällig ist: Während unten in Bozen die Mehrheit der Einwohner Italienisch spricht (Wikipedia spricht von knapp 74 %), scheint hier oben wieder die deutsche Sprache zu überwiegen. Das fällt uns spätestens auf, als wir hier oben in einem Supermarkt gehen und die Ohren spitzen.

Bevor es ganz dunkel geworden ist, fahren wir aber zurück mit der Seilbahn nach Bozen.

Wir beenden den Abend in einem Restaurant in der Bozener Innenstadt und gehen früh ins Bett.

5 Gedanken zu „Mit dem Zug nach Sizilien“

  1. Interessanter Bericht mit schönen Fotos und Video. Was ich noch cool fände: Eine Übersicht über die Kosten und wie bzw. über welche Wege ihr Züge und Unterkünfte gebucht habt. Vielleicht kannst du das ja nachreichen 🙂

  2. Sehr schöner Bericht mit super Bildern und gut erzählt. Erinnert mich an meine eigene Fahrt die ähnlich verlief (Kombination aus Tag- und Nachtzügen).

    Es muss nicht immer das Flugzeug sein um einen entspannten Urlaub zu verbringen, gerade Italien ist mit dem Zug eben sehr gut erreichbar, sowohl per Tagzug als auch per Nachtzug.

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