Arlbergrunde mit Bahn, Bus und zu Fuß

Der Arlberg ist, anders als es der Name vermuten lässt, kein Gipfel. Es handelt sich letztlich um einen Alpenübergang, einen Pass, der das westlichste österreichische Bundesland Vorarlberg von Rest des Landes trennt. Wer von Tirol nach Vorarlberg will, der muss über den Arlberg – über die Passstraße – oder durch den Arlberg – mit dem Zug durch den Eisenbahntunnel zwischen St. Anton und Langen oder per Auto durch den weitgehend parallelen Straßentunnel. Die Region wirbt damit, die Wiege des alpinen Skilaufens zu sein und sie bietet auch landschaftlich unglaublich viel. Die Arlbergstrecke bietet einige spektakuläre Ausblicke, aber in der Mitte der Strecke verschwindet man dann eben für über 10 km im Berginneren – im Arlbergtunnel. Es ist also an der Zeit, sich den Teil des Arlbergs anzuschauen, den man bei der Fahrt durch den Tunnel verpasst.

Die Reise startet in München mit dem EC(E) bis nach Bregenz. Von dort aus geht es mit einem REX bis Feldkirch und dann weiter mit dem EC Transalpin bis nach St. Anton am Arlberg. Es folgt eine Busfahrt nach Langen am Arlberg und anschließend die Wanderung über den Arlbergpass zurück nach St. Anton. Nach der Wanderung geht es weiter mit einem railjet bis nach Innsbruck. Dort unterbreche ich die Reise für eine Stunde und es geht mit dem nächsten Taktzug weiter nach Salzburg, wo der Reisetag endet. Die Tour war Teil einer mehrtägigen Bahnreise. Dies erklärt die unterschiedlichen Start- und Endpunkte. Unterwegs war ich um August 2021.  

St. Anton am Arlberg – den Namen dieses Ortes kennt wohl fast jeder. Er klingt einfach auch fantastisch. Vor einigen Jahren war ich das erste Mal hier – mit einem Freund zum Skifahren. Wir sind mit dem Auto angereist für einen Tagesausflug. Im Sommer darauf kam ich wieder – diesmal mit der Bahn. Und seitdem zieht mich St. Anton auf eine besondere Art und Weise magnetisch an. Man kommt an einem recht modernen Bahnhof, der zwischen zwei Tunneln liegt, an, geht durch das Bahnhofgebäude und steht dann vor einem wunderbaren Bergmassiv. Dreht man sich um, sind dort auch hohe Berge. Von saftig grünen Almwiesen über bewaldete Hänge bis zu felsigen Gipfeln – auf all das blickt man. Wer hier nicht aussteigt, verpasst etwas. Seitdem versuche ich immer, wenn ich mit dem Zug über die Arlbergbahn fahre, die Fahrt in St. Anton zu unterbrechen, wann immer es der Fahrplan meiner geplanten Reise erlaubt.

Die Landschaft sieht aber nicht nur schön aus – es ist auch ein Traum, hier zu wandern. Vom Gipfel des Vallugas hat man einen wahnsinnig schönen Rundumblick, wie man ihn nur selten in den Alpen findet. All das weiß ich, weil ich 2015 sogar einen ganzen Sommerurlaub hier verbracht habe.

Weniger bekannt ist mir aber die andere Seite des Arlbergs. Auf der anderen Seite des 10 km langen Arlbergtunnels liegt Langen am Arlberg. Hier fahre ich zwar auch regelmäßig mit dem Zug vorbei, auch mit dem Auto bin auch schon einmal durch Langen gefahren und dann über den Arlbergpass, aber ausgestiegen bin ich hier noch nie und habe beispielsweise auch noch nicht das Westportal des Arlbergtunnels richtig in Augenschein genommen.

Dass ich in Langen bisher nicht ausgestiegen bin, ist kein großer Zufall, denn faktisch besteht das Dorf nur aus dem Bahnhof und ein paar Häusern. Wikipedia spricht von knapp 70 Einwohnern (nein, ich habe keine Null vergessen). Dass hier trotzdem Fernverkehrszüge halten, hängt damit zusammen, dass vom Bahnhof aus Buslinien in die Tourismusdestinationen im Umkreis führen wie bspw. Lech/Zürs. Trotzdem bin ich vor dem Aussteigen bisher zurückgeschreckt, denn so wirklich sicher war ich mir nie, ob mir nicht dann doch irgendwann langweilig wird, bis zwei Stunden später endlich der nächste Zug kommt. Aber der Wunsch war immer da, und heute möchte ich ihn endlich realisieren. Ich möchte Langen sehen und das mit einer Wanderung verknüpfen. Wie groß diese wird, weiß ich noch nicht.

Es ist kurz nach sechs und mein Wecker in einem Hotel in der Nähe des Münchener Hauptbahnhofs klingelt. Ich bin unterwegs auf einer einwöchigen Spontanreise durch Europa. Das heißt: Ich überlege irgendwann im Laufe des Tages spontan, was denn mein Tagesziel sein soll und buche mir ein Hotel. Gestern bin ich mit dem alex aus Prag gekommen, heute soll es eben erstmal zum Arlberg gehen – und danach? Mal schauen! Wahrscheinlich weiter gen Osten. Innsbruck? Salzburg? Wien? Mal sehen, wie viel Zeit ich am Arlberg verbringe und dann werde ich mich entscheiden.

Diese Art des Reises bedingt aber auch, dass ich einen etwas größeren Rucksack dabeihabe und schwerer beladen bin als bei einer Tagestour. Dieses Gewicht würde ich ungerne auch bei einer Wanderung mitschleppen. Das macht es heute aber knifflig, denn der Bahnhof von St. Anton hat Gepäckschließfächer, der Bahnhof von Langen hat keine. Dazu kommt der Fahrplan auf der Arlbergstrecke: Nahverkehr gibt es hier schon seit vielen Jahren nicht mehr, und seit ein paar Jahren fahren die railjets Bregenz/Zürich – Wien nicht mehr im Zweistundentakt, sondern stündlich (alternierend von Zürich und Bregenz). Allerdings haben diese Züge seitdem auch ein alternierendes Halteraster. Die Züge aus Zürich fahren durch Langen durch und halten in St. Anton, bei den railjets aus Bregenz ist es umgekehrt. Eine Bahnverbindung zwischen Langen und St. Anton gibt es nur mit einem IC-Zugpaar (dem IC 118/119 Bodensee Dortmund – Innsbruck) und in Tagesrandlage auch mit den railjets. Einfach mit dem Zug nach St. Anton fahren, Gepäck einschließen und mit dem nächsten Zug nach Langen zu fahren, geht somit nicht. Deshalb muss ich auf den Bus ausweichen. Eines ist aber klar: Als Erstes muss ich zum Gepäckschließfach in St. Anton.

Ich gehe die paar Minuten bis zum Münchener Hauptbahnhof. Im rechten vorgelagerten Bahnhofsteil, Starnberger Flügelbahnhof genannt, steht auf Gleis 28 der EC nach Zürich bereitgestellt. Zum Einsatz kommt seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2020 der Elektrotriebzug „Astoro“. Seitdem ist die Strecke nach Lindau über Memmingen nämlich endlich elektrifiziert – unter finanzieller Mithilfe der Schweiz. Ohne, so hat man manchmal das Gefühl, würde man hier in Deutschland so ein Infrastrukturprojekt gar nicht mehr realisieren. Wenngleich das Neue objektiv sicher gut ist, sowohl aus Umweltaspekten als auch wegen der kürzeren Fahrtzeiten, trauere ich den Lok-Wagenzügen mit Panoramawagen über die längere und immer noch stromlose Allgäubahn etwas hinterher. Ein Reisebericht einer wunderschönen Winterfahrt findet sich hier.

Obwohl der Zug sowohl auf der Anzeige im Münchener Hauptbahnhof als auch am Zug als EC (EuroCity) bezeichnet wird, fährt der Zug auf dem deutschen Abschnitt tatsächlich als ECE (EuroCityExpress). Diese alberne Zuggattung hat die Deutsche Bahn vor wenigen Jahren neu erfunden für den EC(E) Frankfurt – Schweiz – Mailand, der auch mit Astoro gefahren wird. Der einzige Grund dafür kann eigentlich nur darin liegen, dass man damit gerne die Fahrkarteneinnahmen steigern möchte. Braucht man für einen normalen EC nur eine IC/EC-Fahrkarte (Produktklasse B), braucht man für den ECE nun eine ICE-Fahrkarte (Produktklasse A). Die Nachbarländer Österreich und Schweiz, in denen es nicht einmal einen tariflichen Unterschied zwischen Nah- und Fernverkehr gibt, gehen diesen albernen Namenstrick aber nicht mit und bezeichnen die Züge weiterhin als EC.

Ich bin bisher nur aufgestanden und zum Bahnhof gegangen, mein Magen ist noch leer, denn ich möchte natürlich im Speisewagen frühstücken. Bei der freundlichen Schweizer Gastronomin kann ich mir ein leckeres (und teures – Schweizer Preise) Frühstück zusammenstellen.

Die Fahrt führt aus München heraus bis Geltendorf über die Strecke, die dank der S-Bahn schon seit Jahrzehnten elektrifiziert ist. Dann geht es über den neu elektrifizierten Schienenstrang über Buchloe und Memmingen bis Hergatz. Hier trifft die Strecke wieder die Allgäubahn, die somit auf den letzten Kilometern bis Lindau auch elektrifiziert werden musste. Das Wetter verspricht, dass der Tag großartig wird. Die Ausblicke aus dem Zug sind schön, während ich mein Frühstück einnehme. In der Ferne grüßen die Berge. So schön wie auf der Allgäubahn sind die Aussichten bei der Fahrt über Memmingen aber bei weitem nicht. Der Zug fällt mir ansonsten recht positiv auf, er gleitet ganz ruhig über die Schienen. Eine angenehme Fahrt, nur die Toiletten sind eine Zumutung. Details erspare ich euch.

In Lindau geht es nun nicht über den schönen Seedamm auf die Insel zum dortigen Bahnhof Lindau-Insel (vormals Lindau Hbf), sondern über eine eingleisige Verbindungkurve zum neuen Festlands-Fernbahnhof Lindau-Reutin. Nach dem Halt dort überqueren wir die Staatsgrenze und fahren dann anschließend am Bodenseeufer entlang bis nach Bregenz.

Pünktlich um kurz vor 9 erreicht der Zug Bregenz, den einzigen Halt dieses EC in Österreich, bevor es direkt weiter in die Schweiz geht. Hier in Bregenz treffen wir auch auf den Gegenzug aus Zürich.

Bis zur Weiterfahrt habe ich nun etwa 40 Minuten Zeit. Die nutze ich, um die paar Schritte bis zum Seeufer zu gehen. Unweit des Bahnhofs befindet sich die Seebühne der Bregenzer Festspiele. Diese laufen in diesen Tagen, tagsüber kann man sich ohne Eintritt die Kulisse anschauen. Es ist die Kulisse zu Rigoletto von Verdi. Kurz nach meinem Besuch wird sie abgerissen werden und Platz machen für Madama Butterfly von Puccini. Dieses Programm soll dann 2022 und 2023 auf der Seebühne gespielt werden.

Ich gehe noch etwas weiter die Seepromenade entlang und komme zum Bahnhof Bregenz Hafen, der nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof Bregenz entfernt liegt. Somit steige ich schon einen Halt eher in den Regionalexpress ein, der von Lindau nach Feldkirch fährt. Es kommt eine Doppelstockgarnitur zum Einsatz.

Die Fahrt durch das Rheintal ist nett, aber hier hängen vor einigen Gipfeln doch ein paar Wolken. Der Wetterbericht für den Arlberg verspricht aber, dass es dort besser aussehen wird.

In Feldkirch folgt dann der Umstieg auf den EC „Transalpin“ von Zürich nach Graz. Diesem Zug, den ich so liebe, habe ich bereits zwei Reiseberichte gewidmet. Einen über eine Fahrt im Sommer und einen über eine Fahrt im Winter. Deshalb erspare ich euch hier Wiederholungen. Natürlich gönne ich mir eine Fahrkarte der 1. Klasse, um im Panoramawagen sitzen zu können. Und dann beginnt auch schon die Fahrt auf der Arlberg-Westrampe. Auch über die Arlbergbahn habe ich in den oben verlinkten Berichten schon viel geschrieben, deshalb lasse ich jetzt nur die Bilder sprechen, an diesem herrlichen Tag:

In Langen fahren wir, wie das eben bei den Zügen aus Zürich ist, ohne Halt durch und dann mache ich mich bei der Fahrt durch den Arlbergtunnel ausstiegsbereit und wenig später stehe ich dann auch schon am Vorplatz des Bahnhofs von St. Anton am Arlberg – diesem meinen Sehnsuchtsziel.

Den Großteil meines Gepäcks habe ich in kürzester Zeit im Bahnhofsgebäude in einem Schließfach deponiert. Ich habe jetzt nur noch alles bei mir, was ich für eine mehr oder weniger lange Wanderung brauche. Ich musste mich beim Einschließen etwas beeilen und war dankbar, dass der Zug pünktlich ankam, die Umstiegszeit zum Bus beträgt nämlich nur 7 Minuten. Auch dieser Bus fährt nur alle zwei Stunden und eine Direktverbindung nach Langen gibt es auch mit dem Bus nicht. Ich muss an der Flexengalerie, die vom Arlberpass nach Lech abzweigt, umsteigen, von einem Bus, der von St. Anton nach Lech fährt, in einen Bus von Lech nach Langen. Die Direktverbindung St. Anton – Langen scheint also offenbar ein Normalsterblicher kaum zu brauchen, wenn es dort kaum Züge und Busse direkt gibt.

Ich kaufe beim Busfahrer ein Ticket nach Langen und er weist mich auf den Umstieg hin. Neben mir sind nur eine Handvoll weitere Fahrgäste im Bus. Öffentlicher Verkehr im Zweistundentakt ist aber eben auch nicht sonderlich attraktiv. Da verstehe ich jeden, der sein Auto wegen der Flexibilität nutzt.

Über viele Kehren gewinnt der Bus an Höhe und nach gut 10 Minuten Fahrzeit überquert er dann kurz hinter St. Christoph am Arlberg auch schon die Passhöhe auf 1793 m.

Dann geht es wieder talwärts.

Der Bus nähert sich dem Abzweig nach Lech, muss aber an einer Baustellenampel warten. Die Umstiegszeit auf den Bus aus Lech nach Langen beträgt aber 12 Minuten, also muss ich mir keine Sorgen machen. Kurz hinter dem Abzweig gibt es dann eine Art Wendeschleife neben der Straße. In ihr befindet sich die Bushaltestelle Flexengalerie. Der Busfahrer fährt aber nicht hinein, sondern lässt mich am Straßenrand raus und ruft durch den Bus, dass der Anschluss gleich in 10 Minuten kommt.

Ich stehe nun an einem Ort, von dem ich wohl anders als mit dem Bus nicht wieder wegkomme. Kein Wanderweg führt hier vorbei. Am Berg kann ich die eindrucksvolle Flexengalerie sehen.

Die eigentliche Bushaltestelle ist so hinter einem Gebäude in dieser „Wendeschleife“ versteckt, dass sie von der Straße, wenn man von Lech kommt, nicht einsehbar ist. Ich habe das blöde Gefühl, dass der Bus gleich hier auch nicht reinfahren wird und mich ggf. übersehen wird. Nicht zuletzt wegen des Staus an den Baustellenampeln rundherum. Wer fährt gerne dann schon aus dem Stau raus und kommt dann nicht mehr rein.

Es sind aber noch ein paar Minuten. Ich schaue Richtung Tal, Richtung Langen. Als nächstes macht die Passstraße nämlich mehrere Kehren, um dann durch Stuben zu führen. Den Ort sieht man erst, wenn man steil nach unten gucken kann – das sieht man am Vergleich dieser beiden Bilder:

Ich beobachte den Verkehr, der von Lech kommt. Durch die Baustellenampel kommen die Fahrzeuge von dort in Kolonne. In der Galerie kann ich schon „meinen“ Bus entdecken. Ich entscheide mich, mich nicht an die Bushaltestelle zu stellen, die nicht einsehbar ist, sondern an den Fahrbahnrand – allerdings an den falschen, weil auf der anderen Seite kein Platz zwischen Fahrbahn, Leitplanke und Abgrund ist.

Der Bus kommt, der Fahrer nimmt mich erst in letzter Sekunde wahr, als ich ihm deutlich zuwinke, bremst scharf und lässt mich rein, wofür ich erstmal über die Fahrbahn laufen muss. Gott sei Dank! Aber diese Zustände sind leider auch keine gute Werbung für den ÖPNV. Wer an der eigentlichen Haltestelle gestanden hätte, der hätte den Bus gar nicht zu Gesicht bekommen und ich hatte eigentlich gehofft, dass der freundliche und hilfsbereite Fahrer des ersten Busses vielleicht seinen Kollegen über Funk informiert, dass es einen Anschlussfahrgast gibt.

Auch dieser Bus ist nur schwach ausgelastet und nach weiteren 10 Minuten stehe ich am Bahnhof von St. Anton am Arlberg.

Am schönen Arlbergbahn-typischen historischen Bahnhofsgebäude, das nicht mehr zugänglich ist, ist eine Art Betonpavillion angebaut worden, in dem sich Fahrkarten- und Getränkeautomaten sowie Wartemöglichkeiten befinden.

Ich gehe auf den Bahnsteig. Eine knappe Stunde seit dem Ausstieg in St. Anton ist vergangen, also kommt jetzt der Zug, der eine Stunde später fährt und in Langen hält, aber nicht in St. Anton.

Am Bahnsteigende in Richtung Bregenz schaue ich in den Blisadonatunnel, der erst Anfang des Jahrtausends gebaut wurde. Vorher führte die Trasse am Hang entlang. Während es an diesem Portal dreigleisig in den Tunnel geht, kommt auf der anderen Seite des Tunnels nur ein Gleis hinaus.

Der Zug fährt ab und ich begebe mich zum anderen Ende des Bahnsteigs mit Blick auf das Portal des Arlbergtunnels.

Im Tunnel kreuzen sich jetzt die Züge beider Richtungen. So kann ich kurze Zeit später noch den Halt des railjets nach Bregenz aufnehmen.

Nach Bus und Bahn sind nun aber Füße und Beine an der Reihe. Ich nehme mir vor, Richtung Passhöhe zu wandern und – wo es eben vom Fahrplan und der Kondition her passt – wieder in den Bus nach St. Anton zu steigen.

Ich laufe am Bahnhof vorbei zum Wegweiser, der den Weg Richtung Pass anzeigt. Bevor ich mich aber an die erste Steigung mache, biege ich nochmal kurz ab. Wenn ich schon hier bin, möchte ich mir das Tunnelportal des Arlbergtunnels mal aus der Nähe anschauen.

Eine Straße führt dorthin, die auch als Anfahrtsweg für Rettungsfahrzeuge dient. An einem großen Rettungsplatz steht ein modernes Gebäude, in dem sich wahrscheinlich Rettungsutensilien und Dinge befinden, die für den Betrieb des Tunnels nötig sind. An dem Zugang zum Portal hindert einen eine Schranke, vor der ich natürlich stehen bleibe. Schließlich möchte ich nur gucken, aber nicht das Bahngelände betreten und etwas Verbotenes tun (und mich selbst in Gefahr bringen).

Ein Zug kommt leider gerade nicht. Dafür kann man hier wunderbar sehen, dass der Tunnel seit einer Renovierung vor gut 15 Jahren auch für Straßenfahrzeuge befahrbar ist. Der Arlberg-Eisenbahntunnel und der Arlberg-Straßentunnel laufen über weite Strecken parallel zueinander und sind mit Verbindungsstollen verbunden. So kann jeweils der eine Tunnel für den anderen als Rettungstunnel dienen.

Mich faszinieren Tunnel aus unerfindlichen Gründen seit langem. Liebend gerne würde ich einmal eine Führung dort machen und mir diese ganzen „geheimen“ Gänge zeigen lassen. Schade, dass hier so etwas nicht angeboten wird.

Der kleine Abstecher ist beendet und es geht nun wirklich den Berg hinauf. Der Anstieg bis Stuben ist nicht sonderlich heftig, was man auch daran sehen kann, dass die Straße hier geradeaus und ohne Serpentinen hochführt, allerdings meistens in einer Galerie. Eine alte kleine Straße, auf der der Wanderweg führt, führt teilweise direkt daneben.

Kurz vor der Ortseinfahrt von Stuben hört dann die Galerie auf und man läuft quasi auf dem Gehweg der Straße.

Blick zurück

Beim Blick auf Stuben kann man wunderbar den Verlauf der Straßen sehen. Direkt über dem Ortschild sieht man die Serpentinen der Passtraße. Auf dem Vorsprung zweigt dann die Straße nach Lech ab durch die Flexengalerie, die man hinten links sehen kann. Der Wanderweg dagegen verläuft im rechten Einschnitt, wo der Kran zu sehen ist. Hier wandert man dann auch abseits von Autolärm.

Eine gute halbe Stunde habe ich von Langen nach Stuben gebraucht. Sonderlich anstrengend waren die knapp 200 Höhenmeter auch nicht. Deshalb laufe ich auch direkt weiter. Es geht entlang des Rauzbachs.

Nochmals ein Blick zurück

Der Weg ist nun etwas steiler, aber umso schöner. Nach gut 20 Minuten treffe ich wieder auf die Passstraße, habe weitere 250 Höhenmeter geschafft und bin an der Rauzalpe.

Blick zurück: Von links kommt der Wanderweg, von rechts die Passstraße, hinter dem Vorsprung der Abzweig nach Lech.

Hier an der Rauzalpe befinden sich die Talstationen dreier Seilbahnen, darunter die der Flexenbahn, die das Skigebiet St. Anton seit 2016 mit dem Skigebiet Lech/Zürs verbindet.

Alle drei Bahnen sind nur im Winter in Betrieb. Es gibt deshalb für den Winter hier auch einen großen Parkplatz und natürlich auch eine Bushaltestelle. Der nächste Bus nach St. Anton würde in 40 Minuten kommen, aber ich möchte eigentlich auch noch nicht aufhören zu wandern.

Ich muss mir nun aber Gedanken machen, wie groß die Wanderung heute werden soll. Ich könnte von hier aus auch noch einen Gipfel mitnehmen und Richtung Galzig wandern und dann mit der Seilbahn nach St. Anton ins Tal fahren. Ich möchte es aber nicht übertreiben und kann es zeitlich nicht einschätzen. Es ist bereits 13.40 Uhr und wenn ich am Ende nach der letzten Bahn oben bin, wäre das blöd. Also beschließe ich, weiterhin entlang des Passes zu wandern.

Es geht über einen Pfad weiter bergauf, aber nicht sonderlich steil. Neben mir wieder der Rauzbach und daneben die Passstraße. Und wenn ich nach rechts und links oben schaue: Eine wunderbare Berglandschaft.

Kurze Zeit später muss ich dann auch noch durch eine Kuhherde durch. Ein Bauer sammelt die Tiere dort alle. Auch diese Herausforderung meistere ich, wenngleich man schon Respekt hat vor diesen Tieren, wenn sie in einer solchen Masse um einen stehen und den Weg versperren.

Den Rauzbach überquert der Weg über eine kleine Holzbrücke und anschließend muss ich dann auch noch über die Passstraße.

Neben einem anderen Bach geht es nun weiter bergauf. Das ist eine kleine Herausforderung, denn die Landschaft hier ist feucht und man muss gucken, dass man festen Boden findet.

Die Herausforderung wird dadurch erhöht, dass ich den Wanderweg, der hier irgendwo langführt, nicht mehr eindeutig erkennen kann und letztlich querfeldein über die feuchte Wiese laufe, um die letzten Höhenmeter bis zu Passhöhe zu nehmen. Doch irgendwann bin ich dann auch da.

Etwa zwei Stunden hat die Wanderung von Langen hierher gedauert. Knapp 600 Höhenmeter habe ich überwunden. Blöderweise konnte ich den Bus nach St. Anton gerade auf der Straße vorbeifahren sehen, kurz bevor ich die Passhöhe erreicht habe. Das heißt: Entweder knapp zwei Stunden auf den nächsten Bus warten oder weiterwandern. Ich entscheide mich für Letzteres, ich habe aber auch noch Lust, weiter zu laufen. Zur Stärkung gibt es dennoch am Imbiss hier auf der Passhöhe ein Paar Frankfurter.

Ich gehe von der Passhöhe weiter ins Ortszentrum von St. Christoph. Am Wegesrand steht ein Wanderschild, auf dem der Weg nach St. Anton mit 1 ¼ Stunden angeben ist. So ganz kann ich das nicht glauben, folge aber diesem Schild, das entlang der Passstraße deutet.

Welcher Weg hier gemeint sein könnte, bleibt mir schleierhaft. Es gibt auch keinen weiteren Wegweiser mit solch einer niedrigen Zeitangabe und auch das digitale Kartenmaterial, das mir zur Verfügung steht und in dem eigentlich jeder Trampelpfad verzeichnet ist, zeigt keinen Weg, der vom ersten Schild gemeint sein könnte.

Also biege ich im Ortszentrum von St. Christoph auf den Weg nach St. Anton ab, der laut meiner Karte der direkteste sein müsste und hier auch mit einer deutlich realistischeren Zeitangabe ausgeschildert ist (leider lässt mich hier meine Erinnerung etwas im Stich, welche Zeit ausgeschildert war – sie lag aber deutlich über den 1 ¼ Stunden des anderen Schildes).

Ich muss zunächst nochmal ein paar Meter aufsteigen und dann geht es wunderschön abseits der Passstraße an einem kleinen Bergsee vorbei.

Es ist mittlerweile 15 Uhr am Nachmittag. Normalerweise eine recht späte Zeit für Wanderungen. Aber so ist das nun einmal, wenn man erst um 12 Uhr starten kann. Das geht auch nur, weil heute so ein wunderbares stabiles Wetter ohne Gewitterneigung ist. Spätestens jetzt ist zudem klar: Ich werde den kompletten Arlbergpass zu Fuß überqueren. Damit hätte ich vorher auch nicht gerechnet. Ich sehe all das, was man verpasst, während man durch den 10 km langen Tunnel fährt. Wie viele Kilometer ich heute wohl gehe? Ich weiß es nicht! Es werden deutlich mehr als die zehn des direkten Weges sein. Aber ich bin glücklich und habe Lust auf den Rest des Weges bis St. Anton. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel körperliche Kraft man entwickeln kann, wenn man etwas psychisch unbedingt will. Da kann man dann auch mal eben den Arlberg zu Fuß überqueren.

Der Weg überquert nochmals die Passstraße und dann geht es runter ins Tal der Rosanna, dem Fluss, der durch St. Anton fließt.

Nach Überquerung der Passstraße – sie ist im Wald zu erahnen

In dem Einschnitt zwischen den Bäumen in der Bildmitte ist im Tal der Bahnhof von St. Anton zu erkennen (zum Vergrößern anklicken)

Nach einem weiteren Abstieg stoße ich wieder auf eine Straße, dem sogenannten Verwallweg, der ins Tal der Rosanna zum Verwallstausee führt. Über diese Straße fährt auch ein Bus für Wanderer, mit dem Auto darf man hier jedoch nicht fahren. Ich könnte jetzt auf der Straße Richtung St. Anton gehen, wie es auf dem Wanderschild angegeben ist, entscheide mich aber, noch einen kleinen Umweg einzubauen. Auf meiner Karte ist nämlich ein Tunnel verzeichnet, durch den ein Wanderweg führt. Und über meine Vorliebe für Tunnel erzählte ich ja bereits.

Nach kurzer Zeit finde ich den Weg mit dem Tunnel auch.

Es ist dunkel drinnen und die Akustik und der Hall sind beeindruckend. Dann fährt eine Familie mit ihren Fahrrädern in den Tunnel ein und es wird hell. Hier gibt es also doch eine Beleuchtung. Offenbar habe ich, warum auch immer, den Bewegungsmelder nicht ausgelöst.

Mit der Beleuchtung ist der weitere Weg durch den Tunnel aber nur halb so schön. Schade!

Nun liegt mir aber die Rosanna zu Füßen und ich laufe talauswärts Richtung St. Anton.

Es folgt eine Stelle, derentwegen ich insgeheim auch diesen Umweg noch gehen wollte: Die Überquerung der Rosannaschlucht des Arlberg-Straßentunnels.

Der Arlberg-Straßentunnel ist nämlich gute drei Kilometer länger als der Eisenbahntunnel. Er kommt erst am Ortsausgang St. Anton Richtung Osten wieder ans Tageslicht. Dabei muss der Tunnel aber die Rosannaschlucht überqueren und das tut er in einer Einhausung. Für die Autofahrer im Tunnel sieht es also so aus, als wäre man weiterhin mitten im Berg, tatsächlich fährt man aber quasi über eine Brücke und von einem Tunnel in einen anderen. So einen Tunnel „von außen“ zu sehen, begeistert mich auch. Deshalb schaue ich hier gerne vorbei.

Es ist fast 16.40 Uhr und ich komme wieder in St. Anton an. So langsam merke ich, was ich heute geschafft habe, bin aber unglaublich beseelt von dieser Wanderung.

Zeitlich passt das gerade recht gut, denn um kurz nach 17 Uhr fährt der nächste railjet gen Osten. Ich hole mein Gepäck wieder aus dem Schließfach und gehe auf den Bahnsteig. Bevor mein Zug aus dem Arlbergtunnel einfährt, kommt aber der Gegenzug. Schließlich treffen sich die Züge stündlich im Tunnel. Der Gegenzug ist kein geringerer als der EC Transalpin aus Graz nach Zürich. Bin ich heute gegen 11 Uhr mit dem Transalpin aus Zürich hier angekommen, fährt um 17 Uhr der Transalpin nach Zürich. Die Züge beide Richtungen begegnen sich gegen 14 Uhr bei Leogang. Man spricht daher bei der Verbindung von einer 14 Uhr-Symmetrie.

Wenig später kommt dann auch mein railjet eingefahren und es geht auf der Arlberg-Ostrampe wieder ins Tal. Auch diese Fahrt habe ich schon in mehreren Reiseberichten beschrieben, daher nur Fotos:

Während ich Innsbruck entgegenfahre, entschließe ich mich, weiter nach Salzburg zu fahren und buche mir ein Hotel dort.

Ich könnte im Zug sitzenbleiben und weiter bis Salzburg fahren. Ich entschließe mich aber, in Innsbruck die Reise für eine Stunde zu unterbrechen. So kann ich mir noch etwas Proviant kaufen, die schöne Bergwelt von Innsbruck betrachten und frische Luft schnappen.

Weiter geht es dann in der leeren 1. Klasse des railjets aus Bregenz.

Der Zug überquert den Inn bei der Ausfahrt aus Innsbruck

Es geht durchs Inntal. In Wörgl zweigt dann die einzige innerösterreichische Bahnstrecke zwischen Tirol und Salzburg ab – über Zell am See.

Mein Zug fährt aber, wie üblich, über die sogenannte Korridorstrecke. Das heißt: Es geht zwischen Kufstein und Salzburg durchs deutsche Inntal, an Rosenheim vorbei über die extra für österreichische Züge gebaute Rosenheimer Kurve, und dann über die Hauptstrecke durch das Chiemgau – natürlich ohne Halt in Deutschland. So verlässt man tariflich und rechtlich Österreich nicht. Dennoch hat man natürlich deutsches Handynetz, was in Zeiten von abgeschafften Roaminggebühren eher Nachteil als Vorteil ist.

Festung Kufstein

Kilometer 0,0 – Grenze Österreich/Deutschland

Auf der Rosenheimer Kurve, die den Bahnhof Rosenheim umgeht, in dem sonst ein Richtungswechsel notwendig wäre

Inn bei Rosenheim

Saalach – Grenze Deutschland/Österreich

Hinter Freilassing überquert der Zug dann die Saalach, den Grenzfluss zu Österreich. Nach einigen Kilometern geht es dann in der Salzburger Stadtmitte auch über die Salzach (beide Flüsse nicht verwechseln!) mit einem wunderbaren Blick auf die Festung. Kurz dahinter beginnen schon die Bahnsteige des Salzburger Hauptbahnhofs.

Irgendwie ist es immer ein tolles Gefühl, in Salzburg anzukommen. Der modernisierte Bahnhof ist eine gute Visitenkarte für diese Stadt. Heute habe ich aber nur noch einen Plan: Ins Hotel, das direkt am Bahnhofsvorplatz liegt, duschen und schlafen. Was ein schöner Tag, was eine schöne Reise!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.