Winterträume im Allgäu und am Gotthard

Auf YouTube findet man viele Videos, die Züge, wie aus dem Bilderbuch, auf stark verschneiten Strecken in den Alpen zeigen. Gerade die Schweiz ist dort stark vertreten, allen voran mit Berninabahn, der Furka-Oberalp-Bahn oder auch der Gotthardbahn. Wer diese Videos sieht, der möchte den Winter dort mit dem Zug auch mal live erleben. Erleben durfte ich schon die Fahrt auf der Furka-Oberalp-Bahn (allerdings bei Nebel – Bericht hier) aber auch etwa die Fahrt über die Arlbergbahn im Winter (Bericht hier). All das bisher Gesehene sollte aber bei dieser Tour noch getoppt werden, einer Tour Mitte Januar 2019. Die Medien überschlugen sich in diesen Tagen geradezu mit Sondersendungen zum angeblichen „Schneechaos“ in den Alpen.  Tatsache war: Es hatte wirklich sehr viel geschneit in den Nordalpen und es waren viele Verkehrswege z.B. wegen Lawinengefahr gesperrt. Manche Dramatik war aber dann doch eher übertrieben und diente wohl eher dazu, Sendeminuten zu füllen. Wer lokale Medien aus den betroffenen Orten verfolgte, der merkte recht schnell, dass die allermeisten Orte auf die Schneemassen vorbereitet waren und kein Grund zur Panik bestand (wenige Orte, die es ganz besonders schlimm getroffen hat, ausgenommen). Also beschloss ich in die Alpen zu fahren, über Strecken, die noch geöffnet waren. Meine Freunde und Bekannten, die nur die extrem dramatischen Berichte kannten, erklärten mich für verrückt. Ich war eher gelassen. Sollte ich irgendwo stranden, würde ich schon irgendwelche Wege finden, die Tour abzubrechen oder eben mich irgendwo einzuquartieren. Am Ende war es knapper als gedacht. Ich konnte die komplette Tour wie geplant (mit lediglich einem Anschlussbruch) abfahren, aber jeweils wenige Stunden später wäre das nicht mehr möglich gewesen, weil Strecken, über die ich gerade noch gefahren war, auch gesperrt wurden.

Mit dem IC geht es von Münster nach Köln. Mit dem Nacht-ICE 619 nach München. Ein EC bringt mich über die Allgäubahn in die Schweiz. Durch das Rheintal geht es nach Chur und über die Albula- und Berninabahn nach Tirano. Mit dem italienischen Regionalzug fahre ich nach Mailand und übernachte dort. Zurück geht es mit dem durchgehenden RegioExpress von Mailand nach Erstfeld über die Gotthard-Bergstrecke, mit dem Interregio nach Basel und mit zwei ICEs nach Münster.

Freitagabend am Hauptbahnhof in Münster. Meine Kollegen haben mich den ganzen Tag damit aufgezogen, dass sie sich schon Plan B-Lösungen überlegen, wenn ich doch in den Alpen hängen bleibe und Montag zur Arbeit nicht zurück bin. Ich bin aber guten Mutes, dass ich im Notfall die Tour schon irgendwie so hinbiegen kann, dass das klappt und möchte zeigen, dass manche Medienberichte einfach übertrieben sind und es bei weitem nicht unmöglich ist, sich irgendwie in den Alpen vorwärts zu bewegen in diesen Tagen.

In den Süden soll es über Nacht mit dem Nacht-ICE gehen. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich mir so einen normalen ICE mit Sitzen und voller Beleuchtung über Nacht antue? Zugegeben, ich würde viel lieber mit dem echten Nachtzug fahren, der mich sogar auch aus NRW nach München bringen könnte (ÖBB nightjet). Zwei Gründe sprechen allerdings dagegen: Erstens ist die Ankunft des nightjets in München eine gute Stunde später als die des Nacht-ICEs und der Anschluss zum EC über die Allgäubahn ist sehr knapp (wenn auch der nightjet zwischen Nürnberg und Augsburg einen Betriebshalt von fast einer Stunde hat, der viel Verspätung abfangen kann). Zweitens, und das ist der Hauptgrund,  ist leider der nightjet nur mehr mit einem Globalpreisticket zu fahren und man kann nicht durchlösen. Mit dem Nacht-ICE konnte ich mir dagegen eine durchgehende Sparpreis-Fahrkarte Münster – Tirano in der 1. Klasse zu einem sehr günstigen Preis kaufen. Warum ich unbedingt einen 1. Klasse-Fahrschein brauche, wird sich später noch zeigen. Würde ich dort den nightjet einbauen, müsste ich mir mehrere Fahrkarten holen und die Fahrt würde ein Vielfaches kosten.

Laut meinem Reiseplan soll ich mit dem 20 Uhr-IC von Münster nach Dortmund fahren und habe dort ca. 20 Minuten Umsteigezeit auf den Nacht-ICE, der in Dortmund startet. Diese Verbindung hat bei mir bei ca. 10 Versuchen einmal geklappt. Dieser IC aus Richtung Hamburg ist notorisch unpünktlich, unpünktlicher als viele andere Züge auf dieser Linie. Warum das so ist, weiß ich nicht. Die Verspätung entsteht eigentlich immer bereits im Raum Hamburg. Ich habe mir daher bereits angewöhnt, die Pünktlichkeit des Zuges rechtzeitig im Internet zu checken und ggf. eher zum Bahnhof zu fahren und bereits gegen 19.30 Uhr die Regionalbahn nach Dortmund zu nehmen. Das hat sich, wie oben beschrieben, bereits zur Routine entwickelt. Aber heute sieht es nach langer Zeit mal wieder gut aus! Auch Bremen hat der IC pünktlich verlassen, ich fahre zum Bahnhof. Ich gehe auf dem Bahnsteig, der Zug wird weiterhin pünktlich angezeigt. Alles gut? Leider nicht! Nach wenigen Sekunden werden zunächst 5, dann 10, dann 15 und später 20 Minuten Verspätung angezeigt. Mit etwas über 20 Minuten Verspätung trudelt der IC dann ein. Ich ärgere mich, dass ich darauf vertraut habe und nicht doch von Anfang an mit der Regionalbahn gefahren bin. Offenbar liegt auf dieser Verbindung ein Fluch. 😉

Ich ergattere ein freies Abteil in der 1. Klasse und versuche erst einmal mich zu entspannen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich aber bereits die ganze Tour in Gefahr. Dank der langfristigen Sperrung der Strecke Münster-Lünen wird der Zug planmäßig über Hamm nach Dortmund umgeleitet. Die Strecke ist stark befahren und wir hängen mit unserer Verspätung  hinter anderen Zügen und bauen munter weiter Verspätung auf. In Dortmund sind wir ca. eine halbe Stunde zu spät. Mein Anschluss ist natürlich weg. Es gibt aber noch die Chance, den Nacht-ICE in Köln zu bekommen. Dort ist die Umsteigezeit mit 30 Minuten etwas größer. Das könnte noch knapp klappen. Also bleibe ich im Zug und tatsächlich schafft es unser Zugteam durch schnelles Abfertigen und schnelles Fahren, dass unsere Verspätung auf dem Weg durch das Ruhrgebiet sogar leicht zurückgeht. Mit ca. 25 Minuten Verspätung trudeln wir in Köln ein und der ICE wird sogar als Anschlusszug angesagt, es muss allerdings der Bahnsteig gewechselt werden. Meine Nerven! Ich nehme die Beine in die Hand und springe in die erstbeste Tür des Zuges. Wenige Sekunden danach werden die Türen geschlossen. Diesen Zug als Anschlusszug anzusagen war also ziemlich „mutig“, denn gewartet hat er nicht, obwohl er so große Fahrzeitreserven auf der Fahrt durch die Nacht hat. So wirklich zu verstehen ist das nicht. Es gab bestimmt Reisende, die nicht so rennen konnten wie ich und somit den Anschluss (den letzten Zug des Tages) verpasst haben.

Ich muss erst einmal durch den halben Zug zur ersten Klasse laufen. In der Lounge direkt hinter dem Lokführer sitzt bisher auch nur ein anderer Reisende. Ich verbringe hier gerne die Nachtfahrten, da hier das Licht immerhin etwas abzudimmen ist und nicht die volle Großraumbeleuchtung auf einen einstrahlt. Leider handelt es sich bei dem Zug um einen ICE 3, der bereits das Redesign durchlaufen hat. Dabei wurden auch in der Lounge extrem helle LED-Lampen verbaut und obwohl man alle bis auf zwei Leuchten ausstellen kann (das meine ich mit abdimmen), schaffen es auch diese beiden Lämpchen die Lounge extrem hell zu erleuchten. Das war im „alten“ ICE 3 erheblich besser.

Nachdem ich meine Sachen verstaut habe, muss ich erst mal durchatmen. Die Tour kann also doch wie geplant starten! Zum Runterkommen führt mich mein Weg direkt in den Speisewagen, der von Köln bis Frankfurt bewirtschaftet ist (die Nacht über ist er geschlossen).

Da nur eine Gastronomin auf der Strecke eingeplant ist, bedient sie nur im Bistrobereich und nicht im Restaurantbereich. Für mich ist das kein Problem. Ich werde in den nächsten Stunden genug sitzen, da tut ein bisschen Stehen auch mal gut.

Irgendwann während der Fahrt auf der Schnellfahrstrecke Köln – Frankfurt gehe ich dann zurück an meinen Platz.

Die Nacht verläuft ruhig und entspannt. Wirklich schlafen kann ich (wie üblich) nicht, aber immerhin etwas dösen. Pünktlich nähern wir uns München. Schon beim Halt in Pasing begrüßt uns viel Schnee.

An einem der äußersten Bahnsteige am Münchener Hauptbahnhof steht die Garnitur des nightjets nach Rom und Mailand. Dieser Zug kann bereits seit ein paar Tagen nicht fahren, weil die Strecke in Österreich wegen Lawinengefahr gesperrt ist. Auf der Anzeige am Gleis ist der Zug als „Aufenthaltszug“ beschildert. Offenbar kann man hier also die Nacht auch im Schlafwagen verbringen, wenn man gebucht hat und muss sich dann am nächsten Tag irgendwie anders nach Italien durchschlagen.

Nach etwa einer Stunde Wartezeit begebe ich mich zum Abfahrtsgleis meines ECs in Richtung Schweiz. Eigentlich müsste der Zug jeden Moment bereitgestellt werden, aber er lässt auf sich warten. Irgendwann gibt es eine Durchsage, dass sich die Bereitstellung wegen Schnee und Eises verzögert. Etwa zur Abfahrtszeit wird der Zug, der aus Schweizer Wagen besteht, dann aber in die Bahnhofshalle geschoben. Mit etwa 10 Minuten Verspätung geht die Fahrt dann los.

Ich nehme zunächst im Speisewagen Platz, um zu frühstücken. Ich bin dabei einer von zwei Gästen.

Zum Schweizer Speisewagen habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Auf der einen Seite liebe ich die Atmosphäre und das Interieur dieser Wagen, auch das Personal ist in aller Regel sehr freundlich und ich habe es noch nie erlebt, dass irgendwas nicht funktionierte (wie das bei deutschen Speisewagen eher die Regel als die Ausnahme ist). Auf der anderen Seite habe ich ein riesengroßes Problem mit den angebotenen Speisen. Ich bin Allergiker und vertrage keine Milchprodukte und keine Eier. Abgesehen vom Frühstück vertrage ich damit keine einzige (!) Speise bei den Schweizern. Und auch das Frühstück muss ich mir komplett individuell  zusammenstellen, damit es geht. Es gibt zwar eine wunderbare Karte mit den Allergenen in der Speisekarte, in der die Speisen teilweise in ihre Einzelteile zerlegt werden und die Allergene angegeben werden, aber offenbar werden die Speisen so angeliefert, dass man den Kellnern nicht sagen kann, dass man gerne Speise XY ohne Bestandteil Z haben möchte. Das ist sehr zu bedauern und schade! Früher gab es, wenn ich mich richtig erinnere, teilweise bei den Schweizern auch einfache Speisen wie Currywurst oder Chili con Carne, die ich vertragen habe. Ich hoffe, dass man irgendwann dorthin wieder zurückkehrt. Ich kenne keinen anderen Speisewagen, in dem ich (abgesehen vom Frühstück) nichts vertrage.

Die Fahrt führt durch eine wunderbar verschneite Landschaft und es wird langsam hell. Je südlicher wir kommen, desto höher liegt der Schnee. Nach dem Frühstück wechsel ich schnell in den 1. Klasse-Panoramawagen, der im Zug eingereiht ist. Das war einer der Gründe, warum ich unbedingt 1. Klasse fahren wollte.

Größere Probleme scheint der Schnee dem Zug zunächst nicht zu machen. Wir halten die Fahrtzeiten bis Kempten und die Verspätung wird nicht größer. Das ändert sich nach der Durchfahrt von Oberstaufen. Im weiteren Verlauf der Strecke fährt der Zug weite Teile sehr langsam.

Warum wir so langsam fahren, weiß ich nicht. Es gibt auch keine Durchsage. So wirklich stört es mich auch nicht. Wenn ich den nächsten Anschluss in der Schweiz verpasse, fahre ich eben eine Stunde später weiter. Das ist egal. Alle weiteren Verbindungen fahren (dank dem Taktfahrplan in der Schweiz) zuverlässig im Stundentakt. Eigentlich ist es sogar schön, dass wir langsam fahren. So kann ich noch länger diese Landschaft genießen, durch die uns die zwei Dieselloks ziehen. Es ist herrlich und wie im Traum!

Neben der Strecke sind teilweise Trupps in orangenen Warnwesten zu sehen. Aus dem Zug ist aber nicht zu beurteilen, was sie genau machen. Naheliegend wäre es, dass sie evtl. Schnee räumen, aber großes Gerät haben sie nicht mit dabei. Noch am Abend werde ich lesen, dass die Strecke gesperrt ist und man den Kampf gegen die Schneemassen aufgegeben hat. Die Strecke wird mehrere Tage dicht sein. Ob es wirklich so viel Schnee ist, dass man ihn wirklich nicht in den Griff bekommen kann oder man zu wenig Personal/Gerät hat und damit lieber „wichtigere“ Strecken räumt, ist sicherlich eine Frage, die man stellen kann.

Mit etwa einer halben Stunde Verspätung kommen wir dann in Lindau an. Hier am Kopfbahnhof auf der Insel werden die Dieselloks abgekuppelt und an das andere Ende des Zuges setzt sich eine Schweizer Elektrolok. Da der Vorgang einige Minuten dauert, kann ich auf den Bahnsteig gehen und ihn mir anschauen. Es ist ein Wintertraum!

Nachdem die Lok dran ist, setzen wir unsere Fahrt in Richtung Schweiz fort. Dafür fährt der Zug einige Kilometer durch Österreich und hält in Bregenz. Dann geht es über die Grenze nach St. Margrethen. Hier wollte ich eigentlich in den IR nach Chur umsteigen. Das hätte fast sogar noch geklappt. Wir stehen aber zur planmäßigen Abfahrtszeit des Zuges noch vor dem Einfahrtssignal von St. Margrethen und warten vermutlich genau diesen Zug ab, bevor wir in den Bahnhof einfahren können. Das soll mir aber egal sein. Nachdem gestern Abend der Anschluss wichtig dafür war, dass die Tour überhaupt stattfinden kann, bin ich jetzt sehr entspannt und fotografiere unseren Zug, der einige Minuten Aufenthalt hat. Man sieht ihm den Winter von außen an.

Ich könnte nun eine Stunde warten auf den nächsten IR nach Chur und somit die exakt gleiche Reisekette eine Stunde später fahren. Aber dafür ist es mir dann in St. Margrethen doch zu kalt und viel am Bahnhof zu sehen gibt es auch nicht. Also nehme ich die nächste S-Bahn bis Sargans, betrieben von der Südostbahn.

In Sargans ist dann ein Umstieg auf den IC aus Zürich nach Chur möglich, der direkt am selben Bahnsteig gegenüber hält.

Die Fahrt bis Chur dauert nur einige Minuten und hier habe ich nun, da ich einen halben Takt versetzt ankommen bin, noch etwa eine halbe Stunde Zeit, bis es weiter auf die Albulabahn geht.

Auch der deutsche ICE kommt bis Chur

Ich wärme mich kurz im Bahnhofsgebäude auf, dann wird auch schon der IR der Rhätischen Bahn (RhB) nach St. Moritz bereitgestellt.

Gezogen wird der Zug von einem Triebwagen, den die RhB „Allegra“ (rätoromanischer Gruß) nennt. Der Vorteil ist, dass man hier in der 1. Klasse (Grund Nr. 2, warum ich 1. Klasse fahre) direkt hinter dem Lokführer sitzen kann und dann durch eine Scheibe nach vorne blicken kann. Eine solche Fahrt über die Albulabahn ist für mich eine Premiere. Über die Berninabahn bin ich schon häufig so gefahren. Meiner Erfahrung nach fahren im Sommer größtenteils „echte“ Loks vor den Zügen über die Albulabahn und eben nicht diese Triebwagen

Ich bleibe alleine in diesem 1.Klasse-Abteil, was vermutlich damit zusammenhängt, dass hinter dem Triebwagen noch eine gesamte Zuggarnitur mit zwei 1. Klasse-Wagen hängt und die meisten Fahrgäste vermutlich eher dort einsteigen, da sie dort direkt die 1. Klasse sehen und nicht ganz nach vorne gehen.

Eine Fahrt durch eine wunderbare Winterlandschaft beginnt.

Im Hintergrund ist der Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Reichenau-Tamins zu erahnen

Das Wetter wird besser und zeitweise blitzt sogar die Sonne durch.

Im Hintergrund kommt bereits das Landwasserviadukt ins Sichtfeld.

Mithilfe mehrerer Viadukte und Kehrtunnel gewinnen wir an Höhe. Beeindruckend ist vor allem der Abschnitt zwischen Bergün und Preda. Dort sieht man die gesperrte Passstraße, die im Winter als Schlittenbahn genutzt wird. Sicher auch mal ein Besuch wert! (Hier ein Reisebericht dazu)

Nach dem Bahnhof von Preda fahren wir dann in den knapp sechs Kilometer langen Albulatunnel und kommen im Engadin wieder heraus.

Ursprünglich wollte ich den Abstecher nach St. Moritz mitnehmen und dort eine knappe Stunde verbringen. Den Abstecher spare ich mir nun und komme so wieder in meinen ursprünglichen Fahrplan zurück. Dafür muss St. Moritz umfahren werden. Ich steige also in Samedan aus, nehme den direkten Zug nach Pontresina und steige dort in den Zug aus St. Moritz nach Tirano über die Berninabahn ein.

Bahnhof Samedan

Bahnhof Pontresina

Auch der Zug nach Tirano wird von einem Allegra-Triebwagen gezogen. Ich kann nun also wieder hinter dem Lokführer Platz nehmen.

Als erstes Highlight auf der Berninabahn kommt bereits nach wenigen Minuten der Morteratsch-Gletscher in Sicht.

Dann gewinnt der Zug, an dem hinten auch zwei Panoramawagen hängen, in langen Serpentinen an Höhe. Bis zur Passhöhe müssen aber „nur“ 500 Höhenmeter überwunden werden. Auf der Südseite wird das später ganz anders aussehen. Wer mehr über die Berninabahn erfahren möchte, liest am besten erst einmal diesen Sommer-Reisebericht.

Der Himmel zeigt sich mittlerweile fast komplett blau, aber es liegt (obwohl es bergauf geht) immer weniger Schnee.

Auf der Passhöhe liegt der zugefrorene Lago Bianco.

Der unterschiedliche Farbstich der Bilder ist damit zu erklären, dass ich mal durchs offene Fenster, mal durchs Glas fotografiert habe.

Die Besonderheit der Berninabahn ist, dass sie den Pass ohne Zahnstange und ohne Scheiteltunnel überwindet. Außerdem überwinden wir hier den Alpenhauptkamm.

Ich hatte in den Tagen zuvor schon in den Nachrichten gehört, dass während die Alpennordseite im Schnee versinkt, an der Südseite fast nichts runtergekommen ist und absolute Schneemangel herrscht. Ich habe mir aber nicht vorstellen können, wie heftig der Unterschied ist.

Schon hier auf der Passhöhe, die ich aus Videos tief verschneit kenne, liegt sehr wenig Schnee. Dann fahren wir durch einige Lawinenverbauungen und erreichen den nächsten Halt Alp Grüm, von dem aus man einen wunderbaren Blick ins Puschlavtal hat. Im Tal sind die Wiesen grün, auch auf einer Höhe, in der das Allgäu im Schnee versunken ist.

Immerhin hat der Blick auf den Palügletscher noch etwas Schnee zu bieten.

Dieser Gegensatz ist schon krass. Da muss ich wohl noch ein anderes Mal wiederkommen, wenn auch hier alles tief verschneit ist.

Jetzt ein paar weitere Bilder der restlichen Fahrt bis Tirano. Mehr Text über die Berninabahn gibt es, wie bereits erwähnt, im oben verlinkten Reisebericht.

Einfahrt Tirano

In Tirano wechsel ich dann direkt zum Bahnhof der italienischen Bahn. Er liegt direkt neben dem Bahnhof der RhB. Der Weihnachtsbaum auf dem Bahnhofsvorplatz steht auch noch.

Als nächstes muss ich noch dringend eine Fahrkarte nach Mailand kaufen. Der italienische Regionalverkehr ist sehr günstig und es gibt keine Sparangebote, deshalb habe ich mir die Fahrkarte nicht vorher online geholt. Das Problem: Ich finde keinen Fahrkartenautomaten. Die Abfahrtszeit rückt näher. Ich suche schon den Schaffner am Bahnsteig, um ihn zu fragen, ob er mir ein Ticket verkaufen kann. Aus Berichten weiß ich, dass man in Italien niemals ohne Ticket in den Zug einsteigen sollte. Das kann massig Ärger geben. Ich sehe keinen Schaffner, dafür fällt mir dann aber Gott sei Dank noch der Hinweis ins Auge, dass es Tickets in der Bahnhofsgastätte geben soll. Dem ist auch so, nur leider lässt sich die Frau am Tresen sehr viel Zeit, versteht aber immerhin gut Englisch. Mein Zug soll in zwei Minuten abfahren und ich habe endlich das Ticket. Den Entwerter finde ich wenigstens sehr schnell am Bahnsteig (auch ohne Entwertung sollte man keinesfalls einsteigen) und schaffe es dann noch rechtzeitig in den Zug.

Kurz nach der Abfahrt wird es bereits dunkel. Der Zug ist schwach ausgelastet, der junge Schaffner hat nichts an meiner Fahrkarte auszusetzen und erst in den Vororten von Mailand wird der Zug voller. Ich genieße die Fahrt. Ich fühle mich frei, hier irgendwo in Norditalien unterwegs sein zu können. Hat doch alles geklappt auf der Fahrt südwärts durch die Alpen. Und ich hatte einen wunderschönen Tag!

Bahnhofshalle Milano Centrale

In Mailand geht es dann nur noch ins Hotel, das ich fußläufig vom Bahnhof aus erreichen kann. Ich bin sehr müde, schließlich habe ich die vergangene Nacht nicht wirklich geschlafen, aber tagsüber war dank des Adrenalins nichts von der Müdigkeit zu spüren. Jetzt schlafe ich aber direkt ein.

Rückfahrt

Mein Wecker klingelt früh. Zu früh, um im Hotel noch zu frühstücken. Ich gehe daher zu Fuß zum Bahnhof und decke mich dort mit etwas Gebäck ein, das ich als Frühstück und später auch als Mittagessen zu mir nehmen kann. Ich werde nämlich stundenlang ohne wirkliche Pause durchfahren und der erste Speisewagen auf der Fahrt ist im ICE nach Deutschland ab Basel um 14.00 Uhr.

Ich hole mir ein Ticket (diesmal am Automaten) für die Fahrt bis zur Grenze. Meine Sparpreis-Fahrkarte gilt erst ab Chiasso (schweizer Grenzbahnhof), ein Durchlösen ist leider nicht möglich. Ich habe aber ab Chiasso den Zug gebucht (Zugbindung!), der bereits in Mailand startet und in den ich gleich direkt einsteigen werde. Es ist der RegioExpress über die Gotthard-Bergstrecke bis Erstfeld auf der Nordseite. Ich habe ab Chiasso erneut ein 1. Klasse-Sparpreis-Ticket und bin zu faul meinen Sitzplatz zu wechseln und bis Chiasso 2. Klasse zu fahren. Also hole ich mir am Automaten für die Fahrt bis Chiasso auch ein 1. Klasse-Ticket und entwerte es natürlich.

Bis zur Abfahrt sind es noch einige Minuten, also drehe ich eine Runde um und durch den Bahnhof, der wahrscheinlich der beeindruckteste Bahnhof ist, den ich kenne. Dabei geht die Sonne langsam auf.

Dann sehe ich, dass „mein“ Zug bereits bereitsteht und steige ein.

Die Fahrt bis zur Grenze ist größtenteils unspektakulär. Nur kurz vor der Grenze in Como kann man einen Blick auf den Comer See erhaschen.

Obwohl sich die italienische Zugbegleiterin die ganze Zeit in der 1. Klasse aufhält und den Zug tatsächlich an jeder Station abfertigt, will sie keine Fahrkarten sehen. In Chiasso wechselt dann das Zugpersonal. Die Italiener gehen und ein schweizer Lokführer kommt. Ein Zugbegleiter kommt in der Schweiz aber nicht in den Zug.

Das Wetter ist derweil traumhaft. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Einige Minuten hinter Chiasso fahren wir dann am ersten landschaftlichen Highlight vorbei, dem Luganersee.

Mit Lugano ist die größte Stadt im Tessin erreicht. Als nächstes muss der Zug den Monte Ceneri-Pass überwinden. An dieser Stelle wird Ceneri-Basistunnel gebaut, der im Dezember 2020 in Betrieb geht. Wir fahren also noch über die „Bergstrecke“ mit Scheiteltunnel, wie später auch am Gotthard, wo aber bereits der Basistunnel im Betrieb ist. Auf der Nordrampe des Ceneri hat man einen schönen Blick ins Tal, in dem der Hauptort des Tessins, Bellinzona, und auch der Lago Maggiore liegen. Auf diesem Foto lässt sich der See erahnen. Bellinzona liegt genau in der Gegenrichtung bezogen auf die Blickrichtung des Bildes.

In Bellinzona steigen fast alle Reisenden aus. Wer in den Norden möchte, nimmt ab hier die Fernzüge durch den Basistunnel. „Mein“ Zug erfüllt nur die Verkehrsbedürfnisse der eher kleinen Orte an der Bergstrecke und eben die Bedürfnisse von allen, die gerne das landschaftliche Erlebnis der Fahrt über den Berg haben möchten.

2. Klasse1. Klasse

Nachdem das Wetter hier im Tessin so schön ist, fahren wir leider nun ins schlechte Wetter. Aber irgendwo muss die Wettergrenze ja sein, schließlich ist in den Nordalpen erneut Schneefall angesagt. Noch ist hier davon aber nichts zu sehen und die Wiesen sind grün.

Blick zurück ins schöne Wetter

Blick nach vorne

Eine der beeindrucktesten Stellen auf der Gotthard-Südrampe ist die Fahrt durch die Biaschina mit zwei Kehrtunnels und drei Ebenen. Weiterhin ist kein Schnee in Sicht.

Es dauert eine halbe Ewigkeit bis wir die Schneefallgrenze passieren.

Erst in Airolo, unmittelbar vor dem Südportal des Gotthard-Scheiteltunnels, beginnt dann stärkerer Schneefall. Aber auch hier liegen nur wenige Zentimeter. Das soll sich gleich ändern. Wir fahren in den 15 km langen Gotthardtunnel ein, der wiederrum den Alpenhauptkamm unterquert.

Kurz vor dem Nordportal wird der Zug langsamer und hält noch im Tunnel an. Es gibt eine Ansage, dass sich die Einfahrt in den Bahnhof Göschenen (unmittelbar vor Nordportal) verzögert. Minutenlang stehen wir da, dann kommt der Gegenzug an uns vorbeigefahren und wir fahren in den Bahnhof ein. Normalerweise begegnen sich beide Züge nördlich des Bahnhofs und die Strecke ist zweigleisig, sodass es eigentlich keine Zugkreuzungen gibt.

Das klärt sich aber schnell auf, als wir den Tunnel verlassen. Wir kommen im Schneegestöber an und die Landschaft ist so stark verschneit, wie ich es selten erlebt habe.

Gleis 1 ist noch zu erahnen, wird aber offenbar nicht mehr geräumt

Gleis 3 und alle weiteren Gleise (ohne Bahnsteig) sind nicht einmal mehr zu sehen

Hier in Göschenen füllt sich der Zug wieder, schließlich besteht hier Anschluss aus Richtung Andermatt.

Bei der Ausfahrt aus Göschenen stelle ich fest, dass das andere Gleis so stark verschneit ist, dass man es gar nicht mehr geräumt hat. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nur noch an den Weichenheizungen kommt das Gleis kurz zum Vorschein.

Somit ist natürlich klar, warum die Zugkreuzung nicht, wie sonst, nördlich von Göschenen stattfinden konnte, sondern in den Tunnel verlegt werden musste.

Kirche von Wassen – Gotthard-Standardbild

An der Weichenheizung ist kurz das Nebengleis zu erahnen

Es ist einfach beeindruckend, diese Strecke so stark verschneit zu sehen. Am Abend werde ich zuhause im Internet lesen, dass sie komplett gesperrt wurde. Auch hier wäre es spannend zu erfahren, ob sie etwa wegen Lawinengefahr gesperrt wurde, oder weil es zu viel Aufwand war, sie zu räumen. Und ich hätte diese Situation gerne mal ein paar Jahre zuvor erlebt, als es den Basistunnel noch nicht gab und die Bergstrecke die einzige Verbindung zwischen Nord und Süd war. Da hätte man sicher nicht einfach nur ein Gleis geräumt. Leider sind diese Zeiten Geschichte und man kann sie nicht mehr erleben.

Im unteren Teil der Gotthard-Nordrampe geht der Schnee relativ schnell in Regen über. Es ist heute nicht sehr kalt.

In Erstfeld steige ich dann schon im Schneematsch in den Interregio nach Basel um. Trotz unserer kleinen Verspätung klappt der Anschluss noch.

Kurz hinter dem Bahnhof von Erstfeld passieren wir das Nordportal des Basistunnels.

Die weitere Fahrt ist eher unspektakulär, da das Wetter so schlecht ist und eine Schneelandschaft, die gerade weggeregnet wird, auch nicht wirklich schön aussieht. Am Zuger See sind dann sogar wieder grüne Wiesen zu sehen und hinter Luzern wird die Landschaft komplett grün.

In Basel steht dann der direkte Umstieg auf den ICE nach Deutschland an. Ich nehme im wunderschönen Speisewagen des ICE 1 Platz und mache drei Kreuze, dass es nicht (wie so häufig) Einschränkungen im Angebot gibt. Schließlich habe ich langsam richtig Hunger.

Das Wetter ist auch in Deutschland nicht schön, so sieht der Schwarzwald, an dem wir vorbeifahren, eher trostlos aus.

Nach dem Besuch im Speisewagen, kann ich noch ein eigenes 1. Klasse-Abteil ergattern.

In Mannheim verlasse ich den Zug dann. Nach einem Besuch in der Lounge geht es weiter mit einem direkten ICE nach Münster, der aus Stuttgart kommt.

Pünktlich erreiche ich meinen Heimatbahnhof. Auch wenn es in der Nachbetrachtung manchmal knapp war, hat alles wie geplant geklappt und meine Kollegen können sich freuen, dass ich morgen pünktlich zur Arbeit komme. 😉

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