Fahrt mit einem echten Kurswagen: Berlin, Dresden, Prag und Zürich

Jahrelang führte die direkte Nachtzug-Verbindung zwischen Prag und Zürich über Deutschland (über Dresden, Leipzig, Frankfurt, Karlsruhe und Basel) und wurde von der Deutschen Bahn (CityNightLine) betrieben. Da die DB alle Nachtzüge zum Fahrplanwechsel im Dezember 2016 eingestellt hat, musste die Tschechische Bahn einen anderen Weg für diese Nachtzug-Verbindung finden. Im Fahrplanjahr 2017 fährt ein einzelner Schlafwagen (in der Saison ergänzt durch einen Sitzwagen) von Prag nach Zürich. Dabei handelt es sich um einen richtigen Kurswagen, den es sonst in dieser Form in Mitteleuropa kaum noch gibt. Zunächst ist er an einen Regionalexpress zwischen Prag und Linz angehangen, dann fährt er von Linz bis Salzburg mit dem EuroNight Budapest-München und wird schließlich in Salzburg an den nightjet Wien – Zürich angehangen. Diese Fahrt musste ich natürlich einmal ausprobieren und habe mir deshalb folgende Tour zusammengebaut:

Mit dem Nacht-IC 447 geht es von Hamm nach Berlin, von dort mit dem Eurocity nach Dresden, der S-Bahn nach Bad Schandau und dem Eurocity nach Prag. Von Prag aus fahre ich mit dem Schlafwagen nach Zürich. Dann geht es mit einem Interregio nach Basel und dann mit dem EC 6 zurück nach Münster. Die Tour fand am 1. Adventswochenende Anfang Dezember 2017 statt.

Um kurz nach Mitternacht am frühen Samstagmorgen fahre ich mit der Regionalbahn nach Hamm. Ich glaube, jeder kann sich Schöneres vorstellen, als in der Nacht in Hamm umzusteigen und dort auf den nächsten Zug warten zu müssen. Für den Bahnhof (Bahnsteige) fällt mir nur die Beschreibung „gammelig“ ein. Zu meiner Überraschung ist der Bahnhof in dieser Freitagnacht aber auch von vielen „normalen“ Fahrgästen bevölkert und nicht nur von alkoholisierten Menschen. Neben mir warten bestimmt 20 andere Fahrgäste auf den IC nach Berlin.

Unter der Zugnummer 447, die der IC hat, verkehrte im letzten Fahrplanjahr noch der Nachtzug nach Prag & Warschau (Zugteilung in Berlin-Wannsee). Die Epoche des Nachtzugverkehrs auf dieser West-Ost-Route ist aber zunächst einmal Geschichte. Aber auch der Einsatz des Nacht-ICs soll nur ein Jahr dauern. Im nächsten Fahrplan wird er bereits durch einen ICE ersetzt.

Der Zug kommt pünktlich eingefahren und besteht in der 2. Klasse vor allem aus ehemaligen Interregio-Wagen. In der 1. Klasse kommt (zu meiner Überraschung) sogar ein modernisierter Abteilwagen zum Einsatz. Viele, die häufig nachts fahren, schwören auf die unmodernisierten Abteilwagen mit den bequemen roten Sitzpolstern. Zugegeben, sie sind vermutlich sogar für eine Nachtfahrt bequemer als die Ledersitze im modernisierten Waggon, trotzdem freue ich mich über diese Ausnahme. Gerade bei einer Nachtfahrt wirkt so ein modernisierter Wagen dann doch einladender.

Der Fahrt verläuft ruhig und angenehm. Im Abteil sind wir bis Magdeburg zu viert, anschließend zu zweit. Wenn man schon nur die Möglichkeit hat, nachts mit einem IC oder ICE zu fahren (statt eines richtigen Nachtzuges), ist die 1. Klasse schon zu empfehlen. Pünktlich um kurz nach  halb sechs erreicht der Zug den Berliner Hauptbahnhof.

Bis zur Weiterfahrt nach Dresden bleiben mir noch anderthalb Stunden. Zeit, um kurz mal im menschenleeren Regierungsviertel vorbeizuschauen.

Anschließend geht es noch kurz in die DB Lounge für einen Kaffee und dann wird auch bereits der Eurocity nach Prag bereitgestellt. An diesen Zug wurden im letzten Fahrplan noch die Nachtzugwagen nach Prag angehangen, jetzt ist es nur ein ganz normaler Tageszug. Ich nehme direkt einmal Platz im Speisewagen und verbringe auch die komplette Fahrt bis Dresden dort. Schließlich muss erstmal ausgiebig gefrühstückt werden und das geht im Speisewagen der tschechischen Bahn sehr gut.

Auf der Fahrt durch die dünn besiedelte Landschaft Brandesburgs und Sachsens wird es langsam hell. Ich genieße den Blick nach draußen. Wer sich auf dieser Fahrt jedoch lieber mit dem Handy ablenken will, der hat kaum eine Chance dazu. Meist steht im Display nur „kein Netz“ – nicht gerade rühmlich für ein Land wie Deutschland. Pünktlich erreicht der Zug um kurz nach 9 Dresden Hbf.

Dann geht es für mich durch die Dresdner Innenstadt, vorbei an mehreren Weihnachtsmärkten, bis zur Elbe. Dort gehe ich einige Minuten am Ufer spazieren und habe dann von einer Brücke auch einen schönen Blick auf die Altstadt.

Natürlich darf auch ein Besuch am Dresdner Zwinger, an der Frauenkirche und am Striezelmarkt nicht fehlen.

Schnell sind über zwei Stunden vergangen und ich mache mich langsam auf den Weg zurück zum Bahnhof.

Nach einem kurzen Mittagessen bei einer bekannten Fast-Food-Kette und einem kurzen Besuch in der DB Lounge in Dresden, steige ich in die S-Bahn nach Bad Schandau.

Ich hatte den Abschnitt zwischen Dresden und Bad Schandau bewusst mit der S-Bahn zurücklegen wollen, damit ich auf diesem Abschnitt keine Zugbindung habe und daher frei entscheiden kann, wie viel Zeit ich in Dresden und wie viel in Bad Schandau verbringe. Ab Bad Schandau geht es dann mit dem übernächsten Eurocity (= vier Stunden später) nach Prag weiter. Da ich jetzt doch so viel Zeit in Dresden verbummelt habe, habe ich in Bad Schandau nur eine gute halbe Stunde Zeit. Bevor ich aber überhaupt in Bad Schandau ankomme, fahre ich mit der S-Bahn am Wahrzeichen der sächsischen Schweiz vorbei:

Dann ist Bad Schandau erreicht. Bahnhof und Ort liegen auf unterschiedlichen Seiten der Elbe. Genug Zeit, den Ort wirklich zu erreichen, habe ich nicht. Aber zumindest auf die Brücke schaffe ich es:

Pünktlich fährt anschließend der Eurocity nach Prag ein. In der 1. Klasse ist es angenehm leer.

Für Fahrgäste in der 1. Klasse gibt es auf dem tschechischen Abschnitt eine Flasche Wasser, ansonsten verläuft die Fahrt nach Prag unspektakulär. Auch die Strecke bietet wenige besondere Ausblicke.

In Prag bleiben mir nun etwa drei Stunden Zeit. Das muss heute reichen, ich bin nicht das erste Mal hier und werde sicher bald auch schon wiederkommen (dann gerne auch für ein paar mehr Stunden). Zunächst mache ich mich auf den Weg zum Ufer der Moldau.

Es dämmert und die Prager Burg wird wunderbar erleuchtet. Die tolle Stimmung kann die folgende Sequenz leider nur bedingt transportieren:

Nachdem ich die Atmosphäre ausgiebig genossen habe, steht natürlich noch der Gang über den Prager Weihnachtsmarkt am Altstädter Ring an. Das klingt leider einfacher als es ist: Es ist Samstagabend und der Platz ist völlig überfüllt. Ich brauche gefühlt eine Stunde, bis ich einmal quer über den Platz bin (tatsächlich waren es wohl etwa 20 Minuten – immer noch extrem). Letztes Jahr war ich unter der Woche hier und da war es entspannt. Wofür ich heute 20 Minuten brauche, habe ich im letzten Jahr zwei Minuten gebraucht. Es ist aber eben ein sehr schöner Markt, den man gesehen haben muss.

Nun gibt es aber ein anderes Problem: Mir läuft die Zeit langsam davon und ich stehe auf der falschen Seite des Platzes, um direkt zum Bahnhof zu gelangen. Nochmal über den Platz zu gehen könnte wieder 20 Minuten dauern – das wäre zu riskant. Also mache ich etwas, was ich gar nicht gerne mache: Ich nehme mein Handy, öffne Google Maps und versuche irgendwie außen herum zum Bahnhof zu gelangen. Das klappt Gott sei Dank auch und dabei komme ich sogar noch am Prager Pulverturm vorbei, den ich noch gar nicht kannte.

Noch rechtzeitig erreiche ich den Prager Hauptbahnhof (Praha hlavní nádraží). Nun steht die Fahrt an, wegen der ich die ganze Tour mache: Die Fahrt mit dem Kurswagen (Schlafwagen) nach Zürich. Der Zug kommt püntklich eingefahren. Der Schlafwagen ist der letzte Wagen am Express (in Österreich: Regionalexpress) nach Linz.

Ich werde von einem freundlichen Schlafwagensteward begrüßt, der auch Deutsch spricht. Ansonsten ist das Publikum sehr international: Ein paar Tschechen, einige Schweizer und auch Asiaten, mit denen der Steward Englisch spricht.

Der Wagen ist gut belegt, aber nicht völlig ausgebucht. Ich habe mir ein eigenes Abteil gebucht.

Für die Fahrgäste gibt es nun (das scheint neu zu sein und kannte ich im letzten Jahr aus dem tschechischen Schlafwagen so nicht) abends auch ein ähnliches Paket, wie man es aus dem ÖBB nightjet kennt: Schlappen, Ohrstöpsel und sogar Zahnbürste und Zahnpasta. Ich habe noch etwas Hunger (schließlich ist es „erst“ kurz nach halb sieben) und kann außerdem dem günstigen Preis nicht widerstehen, so bestelle ich mir noch Frankfurter Würstchen.

So kann eine entspannte Nachtzugfahrt doch starten! Es ist offenbar sogar technisch möglich, dass die Ansagen aus dem anderen Zugteil bei uns im Schlafwagen unterdrückt werden.

Ich bin sehr müde (schließlich habe ich die letzte Nacht kaum geschlafen) und mache mich schon früh bettfertig. Bis Budweis (kurz nach 20 Uhr) sitze ich auf meinem Bett am Fenster, habe das Licht im Abteil ausgeschaltet und schaue nach draußen. Gerade das macht für mich immer den Reiz einer Fahrt im Schlafwagen aus: Ich kann auch nachts nach draußen schauen, weil ich das Licht ausschalten kann und somit auch draußen etwas sehe und sich nicht wie in normalen Zügen nur das Wageninnere im Fenster spiegelt.

Der Zug verkehrt durch eine hügelige Landschaft und draußen ist alles weiß. Es ist beinahe eine romantische Stimmung, jetzt eingekuschelt in die Bettdecke am Fenster zu sitzen. Trotzdem bin ich so müde, dass ich mich nach der Abfahrt in Budweis hinlege und dann auch direkt einschlafe.

Um kurz nach 23 Uhr wache ich kurz auf und gehe auf die Toilette am Ende des Gangs. Mein Schlafwagen steht ganz alleine auf einem Gleis des Linzer Hauptbahnhofs und wartet auf den nächsten Zug, an den er angehangen wird. Ein verrücktes Gefühl – so etwas ist ein echter Kurswagen! Der Wagen ist auch an die Stromversorgung angeschlossen – die Klimaanlage (Heizung) läuft, Strom ist auch da. Ich lege mich wieder schlafen.

Ich wache wieder auf, als wir in Salzburg rangiert werden. Wobei ich während des eigentlichen Rangierens noch geschlafen habe. Ich bekomme viel mehr mit, wie der Zug eine Drehfahrt macht. In dieser Nacht wird der Zug nämlich über die innerösterreichische Strecke über Zell am See nach Innsbruck umgeleitet, weil es auf der Direktverbindung über Deutschland Bauarbeiten gibt. Würde man den Zug einfach über die andere Strecke schicken, wäre er ab Wörgl falsch herum gereiht. Das wird offenbar schon hier in Salzburg korrigiert. Kurze Zeit später schlafe ich wieder ein.

Ich wache erst nach 7 Uhr wieder auf. Wir fahren gerade über die Arlberg-Westrampe. Draußen liegt Schnee.

Durch die Umleitung kommt der Zug heute planmäßig in Zürich erst um 10.20 Uhr an (statt 8.20 Uhr). Also genieße ich es, noch schön entspannt vom Bett aus die Landschaft genießen zu können. Nach dem Halt in Feldkirch fahren wir durch Liechtenstein in die Schweiz.

Es ist Zeit zu frühstücken. Hier gibt es im tschechischen Schlafwagen ein Wiedersehen mit einer Frühstücks-Pappbox, wie ich sie noch aus den CityNightLine-Zügen kenne.

Nach dem Frühstück genieße ich die weitere Fahrt durch das Rheintal nach Sargans und anschließend nach Zürich, am Walensee und Zürichsee vorbei. Leider ist das Wetter eher grau und das sorgt dafür, dass die Ausblicke auf die beiden Seen nicht so beeindruckend sind, wie ich sie kenne.

Pünktlich um 10.20 Uhr erreiche ich Zürich. Es war eine tolle Fahrt, die ich sofort nochmal machen würde. In Zürich bleiben mir knapp drei Stunden Zeit bis zur Weiterfahrt. Ich drehe eine Runde durch die Stadt. Entlang der Limmat geht es zur Mündung in den Zürichsee.

Nach einem Mittagessen geht es weiter mit einem Interregio nach Basel. Die Fahrt ist unspektakulär, es geht nämlich nicht über die landschaftlich reizvollere Bözbergstrecke, sondern über Aarau und auch das Wetter bleibt grau. In Basel SBB steht dann der letzte Umstieg auf den EC 6 an, der mich direkt nach Münster bringt.

Auf der Fahrt über die Rheintalbahn bleibt die Landschaft verschneit.

Obwohl einer der drei 1.Klasse-Wagen gesperrt ist (Heizungsausfall) und es Sonntag ist, ist der Zug (zumindest in der 1. Klasse) nicht überfüllt. Er ist voll, aber es ist noch angenehm.

Zwischen Koblenz und Bonn schaue ich auch noch im Schweizer Speisewagen vorbei. Dass in der Schweiz und auch im Schweizer Speisewagen ein anderes Preisniveau als in Deutschland herrscht, ist mir bekannt. Dennoch bin ich leicht entsetzt, als ich meine Chili con Carne bekomme: Für knapp neun Euro (statt 8,20 Euro bei der DB) bekomme ich eine winzige Portion (die DB-Portion ist bestimmt 3-4 Mal so groß). Wie man davon satt werden soll, bleibt mir ein Rätsel.

Ich bin mir relativ sicher, dass die Portion auch im Schweizer Speisewagen vor einigen Jahren noch deutlich größer war.

Mit einer halben Stunde Verspätung komme ich gegen 22 Uhr (die Ankunftszeit war planmäßig auf 21.30 verlegt worden) in Münster an. Es war eine wunderbare Tour, die ich jederzeit so 1:1 wiederholen würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.