Von der Ostsee in die Alpen: Im Nachtzug von Binz nach Zürich und im Openair-Wagen über den Oberalppass

Das Jahr 2016 war das letzte Jahr der von der Deutschen Bahn betriebenen CityNightLine-Nachtzügen (CNL). In der Sommersaison wurde dabei die Linie Berlin-Zürich bis nach Binz auf Rügen verlängert. Im letzten Fahrplanjahr wurden die Fahrten nach Binz sogar noch ausgeweitet. Nicht nur (wie in den Jahren zuvor) in der Nacht von Freitag auf Samstag (Hinfahrt) und von Samstag auf Sonntag (Rückfahrt) fuhr das Nachtzug bis nach Rügen, sondern auch noch Sa/So (hin) & So/Mo (zurück). Das musste ich ausprobieren, schließlich ergibt das eine sehr lange Nachtzugfahrt und einen großen landschaftlichen Kontrast: Von der Ostsee in die Alpen.


Mit dem IC „Rügen“ geht es von Münster nach Binz. Anschließend im CNL „Sirius“ nach Zürich, mit einem IC der SBB nach Chur und mit der Rhätischen Bahn nach Disentis. Ab dort erwische ich (ungeplant) den Openair-Wagen der Matterhorn-Gotthard-Bahn über den Oberalppass bis Andermatt. Es geht weiter durch den Furka-Basistunnel ins Wallis und über Visp bis nach Zermatt. Die Rückfahrt erfolgt durch den Lötschberg-Basistunnel und ab Basel mit dem CNL „Pegasus“ bis Duisburg.

Ich kann von Glück reden, dass in diesem Jahr der CNL auch in der Nacht von Sonntag auf Montag von Binz nach Zürich fährt. Schon im Vorjahr hatte ich die Tour ins Auge genommen und festgestellt, dass es quasi unmöglich ist im Hochsommer ein Ticket Binz-Zürich für diesen Zug im Schlafwagen in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu bekommen. Da waren alle Plätze immer sofort ausverkauft. In der Nacht von Sonntag auf Montag ist das nicht so schlimm. Ich ergattere also rechtzeitig ein Ticket mit Reservierung für ein Single-Abteil im Schlafwagen und trete die Tour an einem Sonntagvormittag Mitte Juli an.

Für die erste Etappe nutze ich den IC „Rügen“, der Münster direkt mit Binz verbindet. Im 1.Klasse Großraumwagen geht es zunächst einmal recht unspektakulär über Osnabrück und Bremen nach Hamburg.

Das Wetter ist schön und die Sonne scheint, als der Zug Hamburg-Harburg erreicht.

Über die Elbe fahren wir zum Hamburger Hauptbahnhof.

Im Hamburger Hauptbahnhof wechselt der Zug seine Fahrtrichtung und es geht über Schwerin, Rostock und Stralsund in Richtung Rügen. Die Fahrt auf dieser Passage ist nett, hält aber auch nicht die allergrößten Highlights bereit.

Nach dem Halt im Hauptbahnhof von Stralsund fährt der Zug über den Rügendamm auf die Insel. Gleichzeitig hat man einen Blick auf die 2007 fertiggestellte Rügenbrücke für den Straßenverkehr.

Auf Rügen geht es dann, nach dem Halt in Bergen, zwischen dem kleinen und dem großen Jasmunder Bodden hindurch.

Um kurz nach 15 Uhr fährt der IC dann in Ostseebad Binz ein. Direkt bei der Einfahrt kann ich auf dem Abstellgleis schon meinen Nachtzug sehen, der heute am späten Vormittag hier angekommen ist und mit dem ich später nach Zürich fahren werde.

Angekommen in Binz:

Blick in die Gegenrichtung: Ausfahrender FLIRT als Regionalexpress und rechts der Nachtzug auf dem Abstellgleis:

Kleiner Bahnhof und dennoch fahren hier zig Fernzüge ab. Manche Stadt in Deutschland würde sich so eine Bedienung wünschen:

Gute zweieinhalb Stunden habe ich nun in Binz Zeit, bis der Nachtzug abfährt. Mich treibt es zum Strand.

Leider wird das Wetter mittlerweile immer schlechter. Es hat sich zugezogen und es ist relativ frisch. Am Strand, direkt vor dem Kurhaus, macht gerade die SmartBeachTour im Beachvolleyball Station in Binz.

Und natürlich gehört auch der Gang über die Seebrücke zu einem Binz-Besuch dazu.

Langsam fängt es an zu tröpfeln und mich treibt es zurück zum Bahnhof.

Der Nachtzug steht schon an der Anzeigetafel angeschlagen und wird auch wenig später bereitgestellt.

Ich begebe mich direkt in mein Schlafwagenabteil. Das ist (alles andere wäre um halb sechs auch bekloppt) natürlich noch in Tagstellung mit Sitzen.

In meinem Schlafwagen bin ich der Einzige, der ab Binz fährt. Im zweiten Schlafwagen dagegen sind schon einige Abteile ab Binz durch Fahrgäste belegt, viele davon sind Schweizer. Auch in die Liegewagen steigen einige Passagiere ein und insbesondere in die Sitzwagen. Es lohnt sich also durchaus, diesen Zug ab Binz fahren zu lassen.

Ein freundlicher älterer Herr ist mein Schlafwagenschaffner und checkt mich ein. Er erzählt mir, dass er in der vergangenen Nacht mit dem Zug von Zürich bis Binz gefahren ist und sich in Binz in einen Strandkorb gelegt hat, um etwas zu dösen. „Die Seeluft soll ja gut tun!“ Er wird den Zug (genauso wie das gesamte Zugteam) allerdings nur noch bis Berlin begleiten, dort wird ein frisches Zugteam ihn und seine Kollegen ablösen und er hat endlich richtig Feierabend. Personalwechsel im Nachtzug – das kannte ich auch noch nicht.

Wir fahren los und ich bin froh, dass ich im Zug bin. Der Regen hat draußen weiter zugenommen. Auch die Aussicht aus dem Fenster ist damit nicht mehr so schön wie auf der Hinfahrt.

Die Abteile in den modernen Comfortline-Schlafwagen haben eine Schlüsselkarte. Das ist toll, denn ich kann mein Gepäck im eigenen Abteil lassen, die Tür schließen und den Zug ein bisschen von innen erkunden. So ein komplett eigenes Abteil über das man quasi auch noch die „Schlüsselgewalt“ hat, das gibt es nur im Schlafwagen und ist ein tolles Gefühl, das man sonst beim Zugfahren nicht kennt.

Während einige Wagen des Zuges schon ab Binz gut gefüllt sind, sind andere noch völlig leer. Ich schaue mich etwas um:

Ruhesesselwagen

Halbgepäck-Liegewagen

Abteilwagen

Reservierungen im Sitzwagen

Gerade an den Reservierungen in den Sitzwagen fällt auf, dass auch viele Plätze auf Relationen reserviert sind, die nur durch die Verlängerung des Nachtzuges über Berlin hinaus nach Binz möglich sind, etwa ab Waren (Müritz) – siehe oben. Auch ansonsten ist es irgendwie ein verrücktes Gefühl in diesem Zug, der eigentlich ein Nachtzug ist. Es ist draußen hell (und das auch noch für ein paar Stunden) und der nette Zugchef sagt auch bis Berlin noch jeden Halt mit Anschlüssen an, wie in einem Tageszug. Nachts gibt es in einem Nachtzug logischerweise keine Durchsagen, aber natürlich ist es sinnvoll zu so früher Stunde noch normale Durchsagen für Reisende auf kürzeren Distanzen zu machen. Außerdem weist uns der Zugchef auf das gastronomische Angebot hin. Das muss ich direkt mal ausprobieren.

Einen Speisewagen gibt es im CNL schon seit einigen Jahren nicht mehr. Als Ersatz hat man bei zwei Liegewagen einige Abteile entfernt und dort einen kleinen Bistrobereich eingebaut. Diese zwei besonderen Wagen kommen ausschließlich auf dieser CNL-Linie zum Einsatz und ich sehe so einen Wagen zum ersten Mal. Natürlich gönne ich mir hier ein Getränk. Der Zugchef fragt mich, ob ich wegen seiner Durchsage gekommen bin. Offenbar bin ich der Einzige gewesen, der auf die Durchsage reagiert hat.

In Rostock hat der Zug eine Viertelstunde Aufenthalt, denn wir wechseln die Fahrtrichtung und die Lok umfährt dazu den Zug. So kann ich ein bisschen frische Luft auf dem Bahnsteig schnuppern. Auch hier ist es super, dass ich mein Abteil abschließen und ohne Angst um mein Gepäck auf dem Bahnsteig spazieren gehen kann.

Die nächsten Stunden bis Berlin verbringe ich in meinem Schlafwagen-Abteil. Kurz vor Berlin Gesundbrunnen kommt nochmal mein Schlafwagenschaffner vorbei und verabschiedet sich von mir. In Gesundbrunnen steigt dann die Ablöse ein. Das alte Zugteam bleibt aber noch bis zum Hauptbahnhof im Zug, um während der Fahrt Übergabe zu machen.

Während es draußen dunkel wird, fahren wir in den Berliner Hauptbahnhof ein. Mein Wagen füllt sich nun bis auf das letzte Abteil und die neue Schlafwagenschaffnerin hat alle Hände voll zu tun, die Fahrgäste einzuchecken. Als sie fertig ist, bitte ich sie mein Abteil in Nachtstellung zu versetzen und lege mich dann schlafen. Es war ein toller Nachmittag/Abend im Nachtzug, den ich gerne nochmal wiederholen würde.

Tag 2

Ich schlafe gut und wache kurz hinter Freiburg auf. Der neue Tag begrüßt mich mit blauem Himmel, wie hier bei Haltingen (kurz vor Basel):

In Basel SBB wechselt der Zug dann die Fahrrichtung und ich bekomme mein Frühstück. Um kurz nach 9 Uhr erreicht der Zug den Züricher Hauptbahnhof.

Weiter geht es direkt mit einem IC nach Chur. Ich nehme in der oberen Ebene des Doppelstockszugs auf der linken Seite Platz, denn ich weiß, was jetzt folgt.

Auf der Strecke nach Chur fährt der Zug nämlich am Zürichsee und am Walensee vorbei. Beide Seen sind optisch ein großes Highlight auf dieser Tour, vor allem beim heutigen Wetter. Man möchte quasi aus dem Zug immer wieder in den See springen.

In Chur enden dann die Gleise der normalspurigen SBB und ich steige auf die meterspurige Rhätische Bahn um. Im Regio-Express geht es durch die Rheinschlucht bis nach Disentis.

Das Kloster Disentis (auf dem Bild oben teilweise verhüllt) kommt in Sicht und damit der Endpunkt des Netzes der Rhätischen Bahn. Hier steigt man auf die Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) um (auch meterspurig, aber teilweise mit Zahnrad), nur der Glacier-Express fährt (nach Lokwechsel) durch. Dieser wird von beiden Bahngesellschaften zusammen betrieben.

Hier in Disentis gibt es für mich die größte Überraschung dieser Tour: Ich steige aus dem Zug von Chur aus und stelle fest, dass an meinem Anschlusszug nach Andermatt ein offener Aussichtswagen hängt (die MGB nennt ihn Openair-Wagen). Damit habe ich nicht gerechnet. Mir war bekannt, dass die Rhätische Bahn solche Wagen hat und sie im Sommer u.a. auf der Berninabahn einsetzt. Dass die Matterhorn-Gotthard-Bahn auch einen offenen Aussichtswagen hat, wusste ich nicht. Und dann erwische ich auch noch ausgerechnet den Zug, der genau diesen Wagen mitführt. Es gibt Zufälle! Ich frage zur Sicherheit noch den Schaffner, ob ich einfach zusteigen und mit normalem Ticket mitfahren kann und dann kann es losgehen.

Die Fahrt durch die Surselva ist ein Traum – da sprechen die Bilder für sich. Was habe ich denn bitte für ein Glück: So ein Wetter und dann erwische ich auch noch den Openair-Wagen.

Zugkreuzung mit einem Glacier-Express in Dieni

Hinter Dieni beginnt der Anstieg zum Oberalppass. Immer wieder fährt der Zug hier durch Tunnels bzw. Lawinengalerien. Das sorgt immer für einen kurzen Temperaturschock im Openair-Wagen. Während im Freien die Sonne knallt und man es trotz des Fahrtwinds nur im T-Shirt aushält, ist es in den Tunnels kalt.

Nach knapp 40 Minuten Fahrt erreicht der Zug dann den höchsten Punkt der gesamten Strecke: Den Bahnhof Oberalppass direkt neben dem Oberalpsee.

Dann führt die Strecke entlang des Sees und auf der anderen Seite beginnt der Abstieg in Richtung Andermatt.

Nach dem Halt in „Nätschen“ geht es in Serpentinen runter nach Andermatt. Den Bahnhof von Andermatt, in den wir gleich einfahren werden, hat man dabei die meiste Zeit vor Augen.

Von links fahren wir gleich in den Bahnhof Andermatt ein, von rechts kommt die Schöllenenbahn von Göschenen und nach hinten geht es durch das Urserental in Richtung Furka.

Jede schöne Bahnfahrt ist leider irgendwann mal zu Ende, in diesem Fall im Bahnhof Andermatt. Nach einigen Minuten Aufenthalt geht es dann mit dem nächsten Zug weiter nach Visp.

Dieser Zug führt auch einen modernen klimatisierten Niederflurwagen. Ich nehme aber lieber in einem älteren Wagen Platz, in dem ich die Fenster öffnen kann, wenn schon kein Openair-Wagen mitfährt.

Es geht nun einige Kilometer durch das recht kurze Urserental bis Realp. Dort liegt das Ostportal des Furka-Basistunnels.

Autozug erreicht den Bahnhof Realp

Durch den Furka-Basistunnel fahren regelmäßig Autozüge. Das erspart den Autofahrern die Fahrt über den Furkapass (und ist im Winter die einzige Möglichkeit über den Furka zu kommen, wenn der Pass gesperrt ist). Der Furka-Basistunnel ist gut 15 Kilometer lang und wurde 1982 eröffnet. Vorher fuhr die Bahn über den Furkapass und durch den Scheiteltunnel. Diese Strecke war aber nicht winterfest und vor Einbruch des Winters musste sie jedes Jahr teilweise zurückgebaut werden (Oberleitung, Brücken), damit sie den Winter übersteht. Eine extrem aufwendige und teure Prozedur. So hat der Basistunnel sicher seine Vorteile. Über die Bergstrecke fährt im Sommer mittlerweile die Dampfbahn Furka-Bergstrecke für Touristen. Kleine Anekdote am Rand: Seit es den Basistunnel gibt, kann der Glacier-Express ganzjährig fahren. Er fährt damit aber gar nicht mehr am Rhonegletscher vorbei, den man nur von der Bergstrecke aus sieht. Dabei ist der Rhonegletscher der Namensgeber des Glacier-Express.

Auf der anderen Seite des Furka-Basistunnels geht es durch das Rhonetal bis Brig. Auch diese Strecke ist schön, aber nicht so beeindruckend wie die Fahrt über den Oberalppass. Außerdem bin ich langsam mit Eindrücken gesättigt. Ich mache deshalb bis Brig keine weiteren Fotos.

In Brig trifft die Matterhorn-Gotthard-Bahn auf die normalspurigen Gleise der SBB, die aus dem Simplontunnel kommen. Dabei liegt der Bahnhof der MGB am Bahnhofsplatz.

Bahnhof Brig Bahnhofplatz

Es geht anschließend parallel zu den Gleisen der SBB bis Visp. Dort teilen sich SBB und MGB einen Bahnhof.

In Visp endet mein Zug und ein weiterer Umstieg steht an. Das Streckennetz der Matterhorn-Gotthard-Bahn führt nämlich noch weiter bis nach Zermatt. Es steht ein moderner klimatisierter Triebwagen bereit. Immerhin hat er Panoramafenster.

Eine gute Stunde dauert die Fahrt bis Zermatt.

Breithorn (links) und Klein Matterhorn (rechts)

Bergsturz von Randa

Um kurz nach 17 Uhr ist Zermatt erreicht. Zermatt ist autofrei und man erreicht den Ort nur mit der Bahn. Anderthalb Stunden Zeit nehme ich mir hier bis zur Rückfahrt. Das ist eigentlich zu wenig Zeit, aber auf dieser Tour passte es leider nur so. Zeit für einen Spaziergang durch den Ort ist aber und das Matterhorn strahlt in der Sonne.

Der Bahnhof von Zermatt liegt unter einer dicken Betondecke, um ihn vor Lawinen zu schützen.

Für die Rückfahrt nach Visp nehme ich den Glacier-Express. Natürlich nicht den „richtigen“ Glacier-Express, aber zumindest die Zug-Garnitur. Jetzt im Hochsommer fahren drei Glacier-Express pro Tag und Richtung  und mindestens eine Garnitur wird nach der abendlichen Ankunft in Zermatt offenbar nicht in Zermatt abgestellt, sondern fährt als normaler Regionalzug zurück nach Brig (vermutlich zur Anbindung an das Werk). Genau diesen Zug erwische ich und kann mich so auf der Talfahrt noch einmal auf Panoramafenster freuen.

Auf der Fahrt zurück nach Visp geht die Sonne langsam unter und vernünftige Bilder kann ich aus dem Zug nicht mehr machen. Aber die letzten Sonnenstrahlen erwische ich dann in Visp am Bahnhof doch noch.

Einfahrt eines Zuges aus Zermatt in Visp

Mit einem Intercity fahre ich nach Basel durch den Lötschberg-Basistunnel. Von Basel geht es mit dem CNL „Pegasus“ im Sitzwagen zurück in Richtung Heimat bis Duisburg.

Die letzten Kilometer zurück nach Münster geht es mit dem Regionalverkehr. Dann endet eine der schönsten Bahntouren, die ich je gemacht habe. Leider wird sie exakt in dieser Form nicht mehr wiederholbar sein, eine Fahrt im Openair-Wagen über den Oberalppass aber schon. Das kann ich jedem nur empfehlen!

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