Tagestour nach Kopenhagen

Zugegeben, eigentlich ist Kopenhagen (wie beinahe jede Hauptstadt) so vielfältig, dass man dorthin problemlos für mehrere Tage eine Städtereise machen kann. Manchmal liegt für mich der Reiz aber auch in der Kürze und darin, zu schauen, wie weit ich an einem Tag komme, wenn ich die Nacht vor und nach dem Tag im eigenen Bett verbringen möchte. So kam ich auf die Idee, eine Tagestour nach Kopenhagen zu machen. Ab Münster funktioniert das nämlich tatsächlich.

Mit dem IC 2020 startet die Tour morgens früh gegen viertel nach vier in Münster. In Hamburg steige ich in den ersten ICE des Tages nach Kopenhagen (über die Vogelfluglinie) und bin gegen kurz vor eins in der dänischen Hauptstadt. Vier Stunden Zeit habe ich dort. Um kurz nach fünf geht es mit dem letzten ICE des Tages zurück nach Hamburg und mit dem IC 2021 zurück nach Münster. Ca. 21 Stunden nachdem ich in Münster weggefahren bin, komme ich gegen kurz nach eins in der Nacht wieder an.
Stattgefunden hat die Tour an einem Samstag im Mai 2016. Zu dieser Zeit fuhren auf der Strecke noch die Diesel-ICE der Baureihe 605.

Um diese Tour tatsächlich an einem Tag zu schaffen, muss ich wirklich mitten in der Nacht aufstehen. Eine Zugabfahrt gegen 4.15 Uhr klingt früh, aber auch nicht dramatisch. Was man gerne vergisst: Man muss ja auch noch zum Bahnhof kommen und so erfordert in meinem Fall diese frühe Abfahrt eine Weckzeit mit einer „2“ ganz vorne. Aber für so eine verrückte Tour mache ich das doch gerne.

Mit dem Nacht-IC 2020 geht es an zunächst unspektakulär nach Hamburg. Bisher habe ich den IC immer nur auf dem anderen Teilstück Frankfurt-Münster genutzt, um nach Touren im Süden wieder nach Hause zu kommen. Jetzt steige ich (der immerhin doch ein paar Stunden Schlaf im eigenen Bett hatte) in einen Zug mit ganz vielen anderen Reisenden, denen heute Nacht das eigene Bett nicht vergönnt war. Ich fahre die ganze Tour in der 1. Klasse und die ist im IC 2020 angenehm schwach ausgelastet. Zum Einsatz kommt ein nicht-modernisierter Großraumwagen.

Zunächst ist es noch dunkel, zwischen Osnabrück und Bremen dämmert es langsam und ich genieße den Blick aus dem letzten Wagen, während wir das Wiehengebirge durchqueren. Für Fotos ist es noch zu dunkel.

Um kurz vor sieben erreichen wir pünktlich den Hamburger Hauptbahnhof. Die Sonne dringt bereits in die Bahnhofshalle ein. Ein wunderschöner Tag kündigt sich an.

Etwa eine halbe Stunde Zeit habe ich jetzt bis zur Abfahrt des ICE. Der steht aber schon am Gleis bereit. Es ist meine zweite Reise im Diesel-ICE.  Im vorherigen Jahr bin ich einmal Berlin – Hamburg mit so einem Zug gefahren. Da fuhr täglich noch ein Zugpaar über Hamburg hinaus nach Berlin und konnte die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h erreichen. Dieser Zug fuhr mit zwei Zugteilen, welche in Hamburg geteilt wurden. Ein Zugteil fuhr dann über Flensburg nach Aarhus und ursprünglich wollte ich bis Flensburg fahren. Da aber ein Sturm aufzog, musste ich die Tour in Hamburg beenden. Heute soll aber alles klappen (die ICE fahren auch nur noch nach Kopenhagen und nicht mehr auf der Verbindung nach Aarhus).

Bis Lübeck ist die Fahrt eher unspektakulär. Dort steigt dann eine Familie zu mir in den Wagen. Voller wird die 1. Klasse auf dieser Fahrt nicht mehr werden. In der Nähe von Neustadt in Holstein kommt dann das erste Mal das Meer in Sicht.

Nach einem weiteren Zwischenhalt in Oldenburg in Holstein fährt der Zug über Fehmarnsundbrücke auf die Insel Fehmarn.

Vor dem Halt in Puttgarden verabschiedet sich das DB-Personal und weist uns schon einmal darauf hin, dass der Zug gleich auf die Fähre fahren wird. Bei der Fahrt auf die Fähre ist also bereits das Personal der dänischen Bahn an Bord. Es ist für mich das erste Mal, mit dem Zug auf ein Schiff zu fahren: Irgendwie beeindruckend!

Nachdem der Zug auf der Fähre zum Halten gekommen ist, müssen alle aussteigen. Das ist auch ein neues Bahn-Erlebnis für mich: Man steigt für eine Zeit aus dem Zug aus, kommt aber später wieder genau auf den gleichen Platz zurück und kann auch sein Gepäck (außer vielleicht die Wertsachen) am Platz zurücklassen, da der Zug verschlossen wird. Sowas kennt man ja sonst nur vom eigenen PKW und nicht von Zügen.

Ich mache mich direkt auf zum Oberdeck, auf dem man die Fahrt im Freien genießen kann. Schon bevor ich oben angekommen bin fährt das Schiff los.

Auf der Vogelfluglinie fahren vier Fährschiffe, zwei dänische und zwei deutsche. Ich erwische ein dänisches Schiff. Technisch gibt es keine großen Unterschiede zwischen den deutschen und dänischen Schiffen, nur im Design unterscheiden sie sich und in der Nationalität der Besatzung. Ich (der außer mit Ausflugsschiffen auf Seen in der Alpenregion sonst quasi nie Schiff fährt) bin beeindruckt von der Größte des Schiffes und von dem, was es alles an Bord gibt: Shop, mehrere verschiedene Restaurants, etc.

Kurz vor der Ankunft in Rødby gibt es eine Lautsprecherdurchsage, dass man nun wieder zu seinen Fahrzeugen und in den Zug darf. Nachdem wir angelegt haben, schließt die Zugbegleiterin die Türen des ICE und wir fahren wieder von der Fähre in den Bahnhof von Rødby. Dort gibt es eine kurze Grenzkontrolle und dann geht es weiter. Nach einigen Minuten fährt der Zug über eine Brücke von der Insel Lolland auf die Insel Falster.

Dort gibt es den nächsten Halt in Nykøbing Falster. In der 1. Klasse bleibt der Zug leer, ich bin aber wirklich froh, dass ich 1. Klasse fahre. Denn die 2. Klasse wird nun so voll, dass es schon Stehplätze gibt, obwohl unser Zug hier mit einem weiteren Zugteil verstärkt wird.

Nach einigen weiteren Minuten muss der Zug schon auf die nächste Insel fahren. Von Falster fahren wir auf die Insel Seeland, auf der auch Kopenhagen liegt. Die beiden Inseln liegen etwas weiter auseinander als Lolland und Falster und demensprechend geht es über eine lange Brücke.

Wegen Bauarbeiten wird der Zug hier umgeleitet und so sind wir eine halbe Stunde später in Kopenhagen als gewöhnlich. Die Fahrt durch das Landesinnere von Dänemark ist nicht sonderlich spannend. Um kurz vor eins erreicht der Zug dann den Kopenhagener Hauptbahnhof.

Vier Stunden Zeit habe ich nun in der dänischen Hauptstadt. Man darf mich gerne als Kulturbanause bezeichnen, aber ich laufe einfach drauf los, ohne mich wirklich in Kopenhagen auszukennen. Ich hole mir zwar zunächst einen Stadtplan von Kopenhagen in der Tourist-Information in der Nähe des Bahnhofes, aber informiert über irgendwelche Sehenswürdigkeiten habe ich mich vorher nicht. Natürlich habe ich schon einmal von der kleinen Meerjungfrau gehört (und sie auf Fotos gesehen) und Nyhavn kennt man sowieso, denn das Bild von Nyhavn taucht überall auf, wo die Rede von Kopenhagen ist. Aber explizit vorbereitet habe ich mich nicht auf Kopenhagen und so drehe ich einfach eine Runde in der Stadt, teilweise ohne zu wissen, an welchen Gebäuden ich da gerade vorbeigehe. Ich lasse die Stadt einfach auf mich wirken. Das ist auch eine Art Urlaub, nicht immer wissen zu müssen, auf was für ein Gebäude, einen Park oder Sonstiges man gerade trifft.

Ich könnte nun im Internet recherchieren, was die folgenden Fotos von meinem Tag in Kopenhagen zeigen, würde damit aber schlauer tun als ich bin. Deshalb erleben wir nun einmal gemeinsam einen Tag in Kopenhagen nur mit optischen Eindrücken, ohne Hintergrundwissen:

Vier Stunden können schneller vergehen als man denkt. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne knallte, es war warm (ich konnte im T-Shirt durch die Stadt laufen) und ich habe zwischendurch eine kurze Pause auf einer Bank in einem Park gemacht und meine mitgebrachten Brote gegessen. Auch das ist ein Vorteil dieser bekloppten Tagestour: Man kann sich alles mitnehmen, muss vor Ort nichts kaufen und nicht extra Geld tauschen.

Mit dem letzten ICE des Tages geht es nun zurück nach Hamburg. Vorher schaue ich mich aber noch etwas im Hauptbahnhof von Kopenhagen um. Irgendwie wirkt der Bahnhof auf mich wie aus einem Film oder einer Modellbahn-Anlage. Er ist richtig bunt und verspielt und erinnert nicht an einen Bahnhof in irgendeinem Standard-Design, wie man ihn aus den meisten Ländern kennt.

Ein doppelter ICE fährt ein und wendet hier auf meinen Zug nach Hamburg. Interessanterweise muss ich in den nun hinteren Zugteil steigen. Der vordere Zugteil endet zwar wieder in Nykøbing Falster, aus irgendwelchen betrieblichen Gründen (möglicherweise liegt es am Umlauf) scheint es aber sinnvoll zu sein, diesen in Nykøbing Falster zuerst wegzurangieren, bevor wir dann weiterfahren können.

Der Zug fährt (wegen der Umleitung) unter einer extra Zugnummer, die im System des Zuges nicht hinterlegt ist. Aus diesem Grund gibt der dänische Zugbegleiter Zugnummer, Start- und Zielbahnhof manuell ein. Bei der Hinfahrt gab es noch Verwirrung. Während online relativ klar ersichtlich war, dass wir in Dänemark umgeleitet werden, stand am Bahnsteig in Hamburg und am und im Zug, dass der Zug nur bis Nykøbing Falster fahren würde. Darauf beharrte auch das DB-Personal und meinte, wir müssten dort umsteigen. Ich konnte das nicht glauben und behielt auch Recht. Die dänische Zugbegleiterin wechselte in Nykøbing Falster lediglich die Zugnummer und gab dann auch Kopenhagen als Ziel an. Meine Mitfahrer in der 1. Klasse (die Familie) wurde vom DB-Personal aber so verwirrt, dass sie tatsächlich aus- und umsteigen wollten. Ich konnte sie davon abhalten. Manchmal scheint das mit der Kommunikation zwischen den beiden Bahngesellschaften noch nicht so gut zu klappen.

Brücke zwischen Seeland und Falster

Jetzt auf der Rückfahrt ist die 1. Klasse ein bisschen voller als auf der Hinfahrt, aber immer noch muss man sie als leer bezeichnen. Die 2. Klasse platzt dafür wieder aus allen Nähten und ich bin weiterhin froh, 1. Klasse gebucht zu haben.

In Nykøbing Falster dauert es tatsächlich etwas, bis wir weiterfahren können, schließlich muss der vordere Zugteil zunächst weg. Nach dem Halt in Rødby geht es dann wieder auf die Fähre. Jetzt auf der Rückfahrt erwische ich eines der beiden deutschen Schiffe. Zunächst gibt es eine Portion Pommes im SB-Restaurant und dann gehe ich wieder an die frische Luft. Ja, ich liebe die Alpen, aber jetzt schmelze ich auch auf (hoher) See dahin, denn die Sonne geht unter:

Schon wieder eine Tour, bei der ich ein unfassbares Glück mit dem Wetter habe. Am liebsten würde ich den Moment mehr festhalten als nur auf Fotos, aber irgendwann ruft mich dann die Durchsage wieder zum Zug.

In Puttgarden steigt dann wieder deutsches Zugpersonal zu und vor allem auch Gastro-Personal für das Bordbistro. Das Bistro  ist nur auf dem deutschen Teil der Fahrt geöffnet. Das war offenbar nicht immer so, wie dieser Bericht zeigt. Bei der Fahrt über die Fehmarnsundbrücke verschwindet die Sonne langsam am Horizont.

Beim Halt in Oldenburg ist es gerade noch hell genug für ein letztes Foto aus dem Zug.

Pünktlich erreichen wir den Hamburger Hauptbahnhof. Ich mache ein paar letzte Fotos vom Diesel-ICE (ICE-TD), der nicht mehr lange auf der Strecke verkehren wird (im Oktober 2017 fuhr er das letzte Mal regulär). Auf der Anzeigetafel wird er sogar als EC 30 und nicht als ICE 30 angezeigt.

Gute 20 Minuten später geht es dann mit dem IC 2021 nach Hause. Wieder sitze ich im 1. Klasse Großraumwagen und lasse den Tag Revue passieren.

Um kurz nach 1 Uhr nachts bin ich wieder in Münster.

Fazit: Es ist natürlich völlig bekloppt, eine Tagestour nach Kopenhagen zu machen, aber irgendwie auch reizvoll. Ich würde es jederzeit wiederholen.

 

 

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