Nonstop von Österreich in die Türkei

Es ist vielleicht der außergewöhnlichste Zug, den es in Europa gibt: Seit Jahrzehnten fährt im Sommerhalbjahr der „Optima Express“ auf den Spuren des Orient Express von Villach, im Süden Österreichs, bis in die Türkei. Endstation: Edirne – kurz hinter der bulgarisch/türkischen Grenze. Ein Freund und ich hatten diesen Zug, um den sich viele Mythen ranken, schon lange auf unserer Liste und haben Anfang September 2023 dann endlich die Reise angetreten.

Die Fahrt startet in Villach. Durch den Karawankentunnel geht es bis Jesenice, wo bereits ein erstes Mal die Lok gewechselt wird. In der Nacht fahren wir durch Slowenien, zwischen Ljubljana und Zagreb entlang der Save. Auch Kroatien durchqueren wir noch im Schlaf und wachen kurz vor der serbischen Grenze auf. In Tovarnik und Šid erfolgen die kroatische Ausreise- und die serbische Einreisekontrolle. Tagsüber geht es über Belgrad bis nach Niš, wo der Zug mit ordentlich Verspätung am Abend eintrifft. Eine Diesellok zieht uns bis nach Dimitrovgrad, wo wir Mitten in der Nacht von den serbischen Grenzern geweckt werden. Nach dieser Passkontrolle werden wir wenige Kilometer weiter erneut geweckt, in Kalotina für die bulgarische Eisreisekontrolle. Sofia passieren wir noch im Schlaf, am Mittag erreichen wir dann die bulgarisch/türkische Grenze mit komplizierten Einreiseformalitäten, bis wir mit neun Stunden Verspätung Edirne erreichen.

Es ist ein sommerlich warmer Abend Anfang September in Villach. Da stehe ich nun mit einem Freund am Bahnsteig des Villacher Autoreiszug-Terminals 2, einige hundert Meter vom eigentlichen Villacher Hauptbahnhof entfernt. Neben unseren großen Rücksäcken schleppen wir beide noch große Taschen eines Supermarktes mit, in dem wir uns für die kommenden rund 33 Stunden + X mit Proviant eingedeckt haben. Zu Fuße des majestätisch in den Abendhimmel ragenden Mittagskogels besteigen wir den wohl außergewöhnlichsten Zug Europas.

Seit mehreren Jahrzehnten fährt in jeder Sommersaison der „Optima Express“ als durchgängiger Autoreiszug von Villach nach Edirne in der Türkei, kurz hinter der bulgarischen Grenze. Er ermöglicht vor allem türkischstämmigen Menschen einen bequemen Heimatbesuch mit eigenem PKW. Mitfahren kann man aber auch ohne Auto, so wie wir es machen. Wir sind auch nicht die einzigen jungen Backpacker an Bord.

Wir beziehen unser Liegewagenabteil, das wir zwei uns zur Privatnutzung gebucht haben. Es ist unser Reich für die nächsten zwei Nächte und den Tag dazwischen. Eine Klimaanlage gibt es hier nicht, dafür können wir das Fenster hinunterschieben und die Abfahrt und die ersten Kilometer genießen, während uns die noch recht laue Abendluft in die Nase strömt. Über die Drau, vorbei am Faaker See bis hoch zum Karawankentunnel. In ihm überqueren wir die erste von fünf Grenzen auf dieser Fahrt.

Am slowenischen Grenzbahnhof Jesenice wird auf eine slowenische Lok gewechselt. Als wir wieder in die Nacht fahren, legen wir uns schlafen. Das Fenster bleibt ein Stück weit offen, um das Abteil zu kühlen. Gut, dass ich Ohropax habe.

Die Grenze zu Kroatien und den erneuten Lokwechsel verschlafen wir – Schengen sei Dank. Als wir von Tageslicht geweckt werden, stehen wir im Osten Kroatiens, am Bahnsteig von Vinkovci. Der Zug hat zwar keine planmäßigen Zwischenhalte zum Ein- und Aussteigen, aber viele Betriebshalte. Hier wird draußen mit Schläuchen das Frischwasser für die Toiletten aufgefüllt. Die sind während der ganzen Fahrt sehr sauber und werden regelmäßig vom sehr bemühten Zugpersonal gereinigt.

Weiter geht es einige Kilometer bis zum kroatischen Grenzbahnhof Tovarnik. Ausreisekontrolle der Kroaten, der Zug steht dafür eine halbe Ewigkeit. Wir überqueren die Grenze zu Serbien, über die hier seit mehreren Jahren kein Personenzug mehr fährt, außer dem Optima Express. Der Verkehr des letzten internationalen Zuges zwischen Kroatien und Serbien wurde mit Corona eingestellt und nie wieder aufgenommen. Man munkelt, dass Kroatien aus Gründen der Migrationspolitik keinen Verkehr hier über die Grenze haben möchte. Stattdessen überqueren so jedes Jahr tausende Fernbusse auf der Autobahn die Grenze. Der geringe Stellenwert der Bahn hier, der offenbar mit voller Absicht hier gelebt wird und dass scheinbar kein Druck besteht, den grenzüberschreitenden Bahnverkehr wiederaufzunehmen, ist traurig.

Einreisekontrolle in Šid, mein zweiter Stempel im Pass für diese Reise, Lokwechsel.

Dann recht zügige Weiterfahrt Richtung Belgrad. Hier ist die Strecke vergleichsweise gut in Schuss, zumindest ein Gleis. Es ist das, auf dem wir fahren. Während Züge in Fahrichtung Belgrad mit 100 km/h fahren können, dauert die Fahrt in die Gegengleis deutlich länger, weil nur 50 km/h möglich sind. Der Zustand der Eisenbahn im Serbien spricht Bände.

Mein Kumpel hat Kaffee aus dem Speisewagen geholt, ich den vorhandenen Tisch im Abteil installiert. Wir spielen Kniffel, ich weiß nicht mehr wie viele Runden an diesem Tag.

Zwischendurch immer wieder der neugierige Blick nach draußen. Gute 30 Kilometer vor Belgrad trifft unsere Strecke auf die Bahnstrecke von Budapest, die in den letzten Jahren von China und Russland unter Kritik der EU saniert wurde. Die rund 350 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden Hauptstädten soll, wenn auch der ungarische Abschnitt 2026 fertig ist, in gut zweieinhalb Stunden zurückgelegt werden. Zum Vergleich: Vor der Sanierung brauchten die Züge 8 ½ Stunden wegen des schlechten Streckenzustands. Der Zug schlich fast nur.

Einen Bericht einer Reise über diese Strecke im Jahr 2018 findet ihr hier.

Die Fahrt über die Save in Belgrad ist ein Highlight. Längerer Stopp im Belgrader Hauptbahnhof. Wir verlieren an diesem Tag jegliches Zeitgefühl. Wir kennen nur die planmäßige Ankunftszeit in Edirne. Dazwischen können wir kaum abschätzen, wie viel verspätet wir sind. Es ist heute im besten Sinne alles egal, denn nur eines ist gewiss: Heute Abend werden wir uns in unserem Abteil erneut schlafen legen.

Die Strecke zwischen Belgrad und Niš ist (noch – hier will die EU helfen) in einem schlechten Zustand. Immer wieder schleichen wir, nur zwischendurch geht es etwas schneller voran. Schon kurz hinter Belgrad bleiben wir rund zwei Stunden auf offener Strecke stehen. Warum, erfahren wir nicht, und ist auch beim Blick aus dem Fenster nicht auszumachen. Irgendwann fahren wir mit gleicher Lok weiter – offenbar also kein Lokschaden. Infos oder Durchsagen gibt es im Zug nicht. Wir fragen aber das Personal auch nicht aktiv danach.

Kniffeln, zwischendurch entspannt auf der mittleren Liege liegen und am offenen Fenster den Kopf rausstrecken – wir erleben einen entschleunigten Tag, der mir gut tut. Am Nachmittag besuchen wir den Speisewagen. Hier gibt es einfache Speisen und Getränke. Man würde vermutlich auch ohne eigenen Proviant durchkommen. Bis auf diesen einen Besuch des Wagens, ernähren wir uns aber von unseren Supermarkt-Einkäufen im Abteil.

Wir müssen mehrere Stunden Verspätung haben, als wir schon bei Dunkelheit Nis erreichen. Hier gibt es einen erneuten Lokwechsel. Diesmal dürfen wir uns die Beine am Bahnsteig vertreten. Eine Diesellok, die einst schon den berühmten blauen Zug von Tito gezogen hat, übernimmt die Fahrt zur bulgarischen Grenze.

Der nun folgende Streckenabschnitt durch die Nišava-Schlucht soll landschaftlich beeindruckend sein. Blöderweise ist es schon dunkel. Der Zug rumpelt mit geringer Geschwindigkeit über die Gleise. Die Strecke ist in erbärmlichem Zustand, soll aber auch renoviert werden. Derzeit ist der Optima Express auch hier der einzige Personenzug neben einigen Güterzügen. Regelmäßig gibt es Berichte über Entgleisungen wegen des miserablen Streckenzustands.

Es ist nachts um 2 Uhr, als wir von Klopfen an der Abteiltür geweckt werden: Dimitrovgrad – serbische Ausreisekontrolle. Die Pässe werden eingesammelt, wir dösen kurz weg, dann wieder Klopfen und Pässe zurück.

Der Zug fährt wenige Kilometer weiter, dann das gleiche Prozedere noch einmal bei der bulgarischen Einreisekontrolle. So ist die Nacht nicht erholsam, aber irgendwann schlafen wir weiter.

Gegen acht wachen wir auf. Laut Fahrplan sollten wir seit zwei Stunden am Ziel sein. Tatsächlich sind wir kurz hinter Sofia und haben noch ein erhebliches Stück Fahrt vor uns. Hier in Bulgarien ist die Eisenbahn insgesamt besser in Schuss. Wir fahren meist recht flott durch zumindest zeitweise auch schöne Landschaft.

Erst gegen 13 Uhr erreichen wir den bulgarischen Grenzbahnhof Svilengrad. Die Ausreisekontrolle geht hier, im EU-Land, etwas einfacher von statten und die Pässe werden direkt im Abteil kontrolliert und gestempelt. Deshalb geht es vergleichsweise schnell weiter.

Nach rund 20-minütiger weiterer Fahrt erreichen wir die türkische Grenze und den Grenzbahnhof Kapikule. Hier ist das Vorgehen besonders kompliziert. Alle Fahrgäste müssen aussteigen und zur Passkontrolle ins Bahnhofsgebäude, während es am Zug noch einmal einen Lokwechsel gibt. Manchmal wird in Kapikule Berichten zufolge auch noch das gesamte Gepäck durchleuchtet. Wir haben Glück und dürfen alles im Abteil lassen. Vermutlich war der Gepäckscanner kaputt. Trotzdem dauert dieses gesamte Grenzprozedere anderthalb Stunden, bis wir weiterfahren.

Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zur ersten größeren Stadt, Edirne, wo der Zug endet. Vermutlich schlicht und ergreifend deshalb, weil es dort eine Autoverladerampe gibt. Die Stadt mit ihren Moscheen und den von weiten sichtbaren Minaretten kommt in unser Blickfeld und dann haben wir unser Ziel erreicht.

Um 15.15 Uhr statt um 6.03 Uhr fahren wir in den Bahnhof ein. Manche würden sagen: Mit neun Stunden Verspätung. Ich sage: Mit neun Stunden mehr Abenteuer in einem der letzten abenteuerlichen Züge in Europa auf den Spuren des Orient Express, der genau diese Strecke auch gefahren ist.

Reisehinweise:
Der Optima Express verkehrt in der Regel von Ende April bis Mitte November. Stand 2026 einmal pro Woche. Verkehrstage und Fahrplan auf https://optimatours.de

Mittlerweile hat man die angegebenen Fahrtzeiten etwas gestreckt. Mehrstündige Verspätungen müssen aber einkalkuliert werden, wenngleich Berichten zufolge unsere Verspätung schon unüblich hoch gewesen sein dürfte.

Der Zug kann mit oder ohne Auto genutzt werden. Er führt Liegewagen und meist auch einen Schlafwagen. Die Liegewagen sind nicht klimatisiert, bieten aber Steckdosen und in Serbien auch (bei uns sehr gutes) WLAN. In den durchfahrenen EU-Staaten muss man sein mobiles Handynetz benutzen.

Der Schlafwagen ist klimatisiert. Es gibt Berichte, dass die Energieversorgung durch die Loks (gerade in Serbien) nicht immer zuverlässig funktioniert und so der Schlafwagen schnell zur Sauna wird. In den Abteilen gibt es dort nur kleine Klappfenster. Man kann also nicht den Kopf rausstrecken.

Es gibt einen Speisewagen mit einer einfachen Karte für warmes Essen und Frühstück. Zudem gibt es Getränke. Achtung: Zahlung nur bar in Euro. Die Speisekarte von unserer Fahrt 2023 befindet sich als Foto oben im Reisebericht.

Das Zugpersonal besteht aus Serben, die gut Deutsch und auch etwas türkisch sprechen. Sie bemühen sich, den Zug und vor allem die Toiletten sauber zu halten, kommunizieren aber meist nicht proaktiv. So ist man, wenn man sie nicht anspricht, auf sich alleine gestellt. Da wir uns im Liegewagen gut auskannten, haben wir uns das Abteil immer selbstständig so umgebaut, wie wir es gerade haben wollten (Tisch ein- oder aushängen, Liegen zu Sitzen umbauen).

Von Edirne aus fahren (Stand Anfang 2026) täglich zwei Züge der türkischen Bahn weiter nach Istanbul. Fahrtzeit: 5 ½ Stunden. Ich empfehle wegen der nicht kalkulierbaren Verspätung des Optima Express eine Zwischenübernachtung, bevor man sich nach Istanbul aufmacht. Tickets für diese Züge gibt es online bei der türkischen Bahn. Die Fahrt nach Istanbul kann auch per Fernbus zurückgelegt werden. Dann geht es deutlich schneller. Bald soll der erste Abschnitt der Schnellfahrstrecke zwischen Edirne und Istanbul eröffnet werden. Wie sich das auf das Zugangebot und die Fahrzeiten auswirkt, ist (Stand Februrar 2026) noch nicht bekannt. Bis dahin fährt man aber tatsächlich noch auf den Spuren des Orient Express.

Fahrkarten:
Da es sich um einen privat betriebenen Zug handelt, gelten keine regulären Bahntickets (bspw. auch nicht Interrail). Die Preise können online beim Betreiber eingesehen werden.

Gerade wenn man ein ganzes Abteil alleine oder zu zweit buchen will, sind die Preise recht happig. Dennoch finde ich: Das Abenteuer ist es wert, auch wenn die Fahrt keineswegs sonderlich erholsam ist.

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